Mittwoch, 30. August 2017

Frances Hardinge - The Lie Tree


erschienen bei Macmillan
woher: Hay-on-Wye Booksellers 


Die dreizehnjährige Faith zieht mit ihrer Familie auf eine abgelegene Insel. Ihr Vater, ein bekannter Wissenschaftler, soll dort archäologische Ausgrabungen leiten, aber der wahre Grund für den überstürzten Aufbruch ist ein Skandal rund um die Forschungen ihres Vaters. Faith will diesen Gerüchten zwar keinen Glauben schenken, merkt aber bald, dass ihr Vater einiges zu verbergen scheint.

"The Lie Tree" ist ein sehr faszinierender und ungewöhnlicher phantastischer Roman. Er ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts angesiedelt und Frances Hardinge erweckt die viktorianische Gesellschaft sehr überzeugend zum Leben. Tatsächlich handelt es sich auch großteils um einen historischen Roman und die phantastischen Elemente sind nicht nur geringer, als man anfangs vermuten könnte, sondern auch äußerst originell. Wer also einen phantastischen Jugendroman sucht, der sich mal ganz abseits der bekannten Pfade bewegt, ist hier bestens aufgehoben.

Auch die Protagonistin Faith ist eine sehr ungewöhnliche Heldin. Sie erscheint zunächst noch wie das typische rebellische Mädchen, das selbst eine Naturforscherin werden möchte, aber vom Rollenbild der viktorianischen Gesellschaft daran gehindert wird. In Faith steckt aber nicht nur deutlich mehr als das "ungezähmte Mädchen", es fehlt auch jede Romantisierung dieses Konflikts, wie man sie sonst mitunter findet. Es gibt keinen weisen Mentor, der Faith unter die Fittiche nimmt, keinen leidenschaftlichen Bewunderer. Sie muss sich nach außen hin stets verstellen und ist weitgehend auf sich alleine gestellt. Das macht den Roman mitunter zu einer recht beklemmenden Lektüre. Es gibt für Faith keine Vertrauensperson, noch nicht einmal eine Ansprechperson, und das macht sie misstrauisch, abweisend und zeitweise auch sehr rücksichtlos.

Allgemein ist "The Lie Tree" ein sehr düsterer Roman - dafür sorgt auch das titelgebende Hauptthema rund um Lügen und Betrug. Ich weiß, dass ich mich sehr kryptisch ausdrücke, möchte hier aber einfach nicht mehr von der Handlung verraten, da das sonst einen großen Teil der Spannung und der Überraschungen nehmen würde. 
Für einen Jugendroman ist "The Lie Tree" auch erstaunlich brutal, nicht, weil irgendwelche Gewaltorgien stattfinden, sondern weil Handlungen hier oft zu sehr schlimmen Konsequenzen führen. Das hat mir sehr gut gefallen - nicht nur, weil es realistisch ist, sondern auch, weil man sich dadurch beim Lesen nicht in Sicherheit wiegen kann. Ich hatte bei diesem Buch nicht das sichere Gefühl, es würde ja ohnehin alles gut werden und das wiederum fand ich ungemein spannend.

Frances Hardinge erzählt in "The Lie Tree" eine fesselnde Geschichte, die wenig Klischees bedient und mit einigen ungewöhnlichen Ideen punkten kann. Wer nach entspannender Wohlfühllektüre sucht, wird hiermit aber vermutlich nicht glücklich werden.

Kommentare:

  1. Hach, Frances Hardinge - da bin ich echt nicht mehr auf dem neuesten Stand. Das Buch klang nach den mir zu sehr ins Gruselgenre gehenden letzten Büchern wieder eher für mich lesbar, aber dann habe ich das ganz vergessen ...
    Originell ist die Frau ja wirklich jedes Mal. Ich frage mich echt, wo die das immer alles herholt!

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    1. Ich habe in Wales tatsächlich auch nur deshalb bei dem Buch zugegriffen, weil mir die Autorin von dir ein Begriff war.
      "The Lie Tree" ist auch ein klein wenig gruselig, aber Grusel steht auf jeden Fall nicht im Vordergrund.

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