Sonntag, 28. Mai 2017

Buchstabengeplauder #76

Mich führt es nächste Woche wieder an den Wolfgangsee, weil ich dort eine Ausbildung (organisatorisch) betreue - und die Woche danach gleich nochmal für eine Konferenz. Ich hatte ursprünglich überlegt, ob ich dazwischen am Pfingstwochenende gleich in der Gegend bleibe, aber nun fängt bei mir am Balkon endlich alles an zu wachsen und zu blühen und ich möchte nicht für fast zwei Wochen jemanden zum Blumengießen organisieren müssen. Ich hoffe also, dass die Pflanzen alle gut bis zum kommenden Freitag überleben und ich dann auch das nächste Wochenende so schön mit einem Buch am sonnigen Balkon genießen kann.

Derzeit sieht es bei mir auf jeden Fall so aus:

Die Pflücksalatsaison hat wieder begonnen!
Endlich beginnen auch die Pelargonien zu wachsen und zu blühen
Die Hornveilchen blühen dagegen schon seit Wochen unermüdlich
Die Kräuter gedeihen und die totgeglaubten Erdbeeren haben sich wieder aufgerappelt
Ich versuch es nochmal mit Zucchini und dieses Jahr erstmals auch mit Tomaten

Heute Abend habe ich noch Rucola und Radieschen für den Salat geerntet - es ist so schön, wenn ich endlich wieder mein Abendessen vom Balkon holen kann. Deshalb fällt es mir auch etwas schwer, gerade jetzt für ein paar Tage wegzufahren. Nicht nur deshalb, sondern auch, weil ich befürchte, dass die nächste Woche ziemlich anstrengend werden könnte. Ich hoffe aber mal, dass alles glatt läuft.
Eigentlich wollte ich noch die eine oder andere Rezension vorbereiten, aber dazu bin ich nicht mehr gekommen - dabei war ich gerade so schön am Aufholen bei meinen liegengebliebenen Rezensionen. Vielleicht komme ich nächste Woche ja ein wenig zum Bloggen. Falls nicht, lesen wir uns nächstes Wochenende wieder.
Habt eine gute Woche!


Samstag, 27. Mai 2017

Guy Gavriel Kay - A Song for Arbonne

erschienen bei Penguin Audio
19 Stunden 39 Minuten (ungekürztes Hörbuch)
gelesen von Euan Morton


Nach einem Zerwürfnis mit seinem Vater verschlägt es Blaise aus dem kriegerischen Gorhaut in den Süden nach Arbonne, wo er sich als Söldner verdingt. Anfangs hat er Schwierigkeiten mit der fremden Kultur des Landes, in dem Frauen herrschen und Troubadoure verehrt werden und man an eine Göttin glaubt, aber allmählich wird er immer tiefer in die Politik von Arbonne hineingezogen. Bald holt ihn auch seine eigene Vergangenheit ein und er muss sich entscheiden, auf welcher Seite er steht.

"A Song for Arbonne" ist meiner Meinung nach einer der besten Romane von Guy Gavriel Kay. Er erzählt eine Geschichte, bei der man am Anfang nicht recht weiß, wo sie hinführen wird, die sich allmählich entfaltet und bei der schließlich alle Fäden harmonisch zusammenlaufen. Es gibt Intrigen und unerwartete Wendungen, die auch erfahrene Kay-Leser teilweise noch überraschen dürften. 

Mit Blaise hat Kay einen sehr interessanten Protagonisten erschaffen. Anfangs engstirnig, arrogant und unbedacht wirkt er zunächst nicht sehr sympathisch. Dennoch fällt es nicht schwer, sich in ihn hineinzuversetzen und im Laufe des Romans macht er eine große, aber dennoch glaubwürdige Entwicklung durch. 
Aber auch die anderen Perspektiventräger und Nebenfiguren sind sehr gut gelungen. Da sind auf der einen Seite Signe de Barentain, Gräfin von Arbonne, und ihr Umfeld; auf der anderen Seite der Umkreis des Königs von Gorhaut. Auch wenn die Sympathien klar bei Arbonne liegen und die Führungsriege von Gorhaut tendentiell eher als die "böse" Seite dargestellt wird, gibt es keine schwarz-weiß-Malerei und die meisten Figuren bekommen Gelegenheit, unterschiedliche Seiten von sich zu zeigen. Am einseitigsten erscheint noch Galbert de Garsenc, Hohepriester von Gorhaut, der seinen Glauben in Arbonne auch mit Gewalt verbreiten möchte, aber er ist weit mehr als nur ein religiöser Fanatiker und es zeigt sich erst nach und nach, wo er überall seine Fäden zieht.

Bertran de Talair, einer der einflussreichsten Adeligen von Arbonne, ist vielleicht die typischste Kay-Figur - der vermeintliche Tunichtgut und Frauenheld, der nach und nach hinter die Fassade blicken lässt. Er erinnert mich sowohl an Ammar ibn Khairan (The Lions of Al-Rassan) als auch an Prinz Diarmuid (A Fionavar Tapestry), ist aber dennoch eine eigenständige Figur. Die Freundschaft, die sich langsam zwischen ihm und Blaise entwickelt, wird sehr schön dargestellt - so wie überhaupt Freundschaften in diesem Roman einen hohen Stellenwert haben. Daneben kommt auch Liebe nicht gänzlich zu kurz, wobei aber die Liebesgeschichten wirklich sehr im Hintergrund bleiben.

Neben der ganzen politischen Seite, die gute Einblicke in die Entstehung eines (Religions-)Krieges bietet, kommt mit den Troubadouren auch eine künstlerische Seite mit ins Spiel. Musik nimmt einen großen Raum im Buch ein und mit Lisseut bekommt man auch eine Perspektiventrägerin unter den Sängern. Es ist interessant, wie Kunst und Politik ineinander verschränkt werden - zusammengehalten durch Bertran de Talair, der selbst ein Musiker ist und dessen Lied über ein vergangenes politisches Abkommen mit ein Grund für den Krieg ist.

Ich habe diesen Roman nicht zum ersten Mal gelesen, aber er hat mich ein weiteres Mal gefesselt und emotional gefangen genommen. Wie oft bei Kay herrscht eine eher melancholische Stimmung und es gibt auch einige tragische Szenen. Da die Nebencharaktere so gut ausgearbeitet sind, hatte ich auch beim Tod einer eher unbedeutenden Figur mit den Tränen zu kämpfen. Neben den vielschichtigen Figuren mag ich besonders das Setting, das vom Albigenserkreuzzug inspiriert ist und praktisch ohne Magie auskommt.

Es war nun das erste Mal, dass ich das Buch auf Englisch gehört habe und ich hatte anfangs ein wenig Schwierigkeiten, in die Sprache hineinzufinden - was auch am leichten schottischen Akzent des Sprechers liegen mag. Mit der Zeit bin ich dann aber gut hineingekommen und ich finde, dass Euan Morton nicht nur die Geschichte sehr gut liest, sondern auch die enthaltenen Lieder sehr gut singt. Da ich das Buch auf Deutsch schon einige Male gelesen habe, hatte ich manche Passagen noch im Kopf und mir ist aufgefallen, dass die Übersetzung teilweise weniger gut ist, als ich gedacht hätte. Guy Gavriel Kay hat durchaus einen anspruchsvollen Schreibstil, aber auf Deutsch sind manche Formulierungen doch deutlich umständlicher ausgefallen. Daher hat es sich auf jeden Fall gelohnt, den Roman endlich mal im Original zu lesen.
Letztendlich kann ich "A Song for Arbonne" aber sowohl auf Englisch als auch in der Übersetzung nur wärmstens empfehlen. Es ist einmal ein Fantasyroman der etwas anderen Art und meiner Meinung nach ein sehr guter Einstieg in die Werke von Kay.

Sonntag, 21. Mai 2017

Buchstabengeplauder #75 + ein Mini-Streifzug

Nachdem die vergangene Woche wunderschönstes Wetter war (und ich es kein einziges Mal früh aus der Arbeit raus geschafft habe), kamen natürlich pünktlich zum Wochenende Sturm, Abkühlung und Regen. 
Ich habe mich daher gestern hauptsächlich auf dem Sofa vergraben und ein paar Häkeleien für die Geburtstage von Arbeitskolleginnen fertiggestellt. Als Hörbuch-Begleitung hatte ich dabei zuerst noch A Song for Arbonne von Guy Gavriel Kay und dann, als ich damit durch war, Der Pfau von Isabel Bogdan. 
Außerdem wurschtle ich mich weiter durch Moby Dick (aber nach knapp 300 Seiten bin ich nun ehrlich gesagt kurz davor abzubrechen) und habe mit In the Labyrinth of Drakes begonnen.

Heute kam dann am Nachmittag doch noch die Sonne raus, obwohl es weiterhin recht stürmisch war. Ich bin spontan losgezogen, um ein paar Geocaches zu suchen (die ich dann nicht loggen konnte, weil mein Stift den Geist aufgegeben hat) und zwar habe ich das Nordbahnhofgelände erkundet. Der Wiener Nordbahnhof wurde erstmals 1838 eröffnet und nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch als Frachtenbahnhof weiterbetrieben. Seither wurde auch der Güterverkehr sukzessive zu anderen Strecken verlegt und der Nordbahnhof ist heute ein Gelände irgendwo zwischen Wildnis, Park und Lost Place. Da dort nun ein neuer Stadtteil entsteht, ist nur noch ein kleiner Teil der Stadtwildnis in dieser Form erhalten.
Es war sehr interessant, sich dort ein wenig umzusehen, stellenweise war es aber gerade bei dem stürmischen Wetter etwas unheimlich auf dem verlassenen Gelände - auch wenn die sonnigen Fotos diese Atmosphäre gar nicht recht vermitteln können.







Samstag, 20. Mai 2017

[Kurzrezensionen] Von Hoffnung, Denunziation und Lüge

Mechtild Borrmann - Die andere Hälfte der Hoffnung 

In einer kalten Nacht nimmt der Bauer Martin Lessmann eine junge osteuropäische Frau bei sich auf, die vor zwei Männern flüchtet. Währenddessen wartet Walentyna, die in der Entfremdungszone wohnt, darauf, dass ihre Tochter aus Deutschland zurückkehrt.
Mechtild Borrmann erzählt in diesem Roman eine packende Geschichte und setzt sich dabei mit den Themen Menschenhandel, Prostitution und den Folgen des Reaktorunglücks von Tschernobyl auseinander. Dazu verwebt sie ineinander drei Handlungsstränge: Martin Lessmann in Deutschland, der sich um die verängstigte Tanja kümmert und ihr bei ihrer Suche nach ihrer Freundin helfen will; Walentyna, die für ihre Tochter ihre Lebensgeschichte und ihre Erfahrung mit Tschernobyl niederschreibt; die Ermittlungen von Leonid, Mitglied einer neu gegründeten Sondergruppe in Kiew.
"Die andere Hälfte der Hoffnung" ist ein fesselnder Roman, der einem unter die Haut geht. Mich haben die Einzelschicksale darin sehr berührt, wobei ich aber finde, dass die Geschichte von Walentyna mit dem Rest der Handlung nur sehr lose verknüpft ist. Dadurch wird ihre Erinnerung an das Reaktorunglück und die Zeit danach eher zum Beiwerk, was schade ist. Trotzdem ein sehr empfehlenswerter Roman.


Nagib Machfus - Karnak-Café

Der ägyptische Autor Nagib Machfus, der 1988 den Literaturnobelpreis erhielt, wurde vor allem durch "Die Midaq-Gasse" und seine "Kairoer Trilogie" bekannt. "Karnak-Café" ist eher eins seiner unbekannteren Werke und wurde erst 35 Jahre nach seinem Erscheinen erstmals ins Deutsche übersetzt. Es geht darin um ein von einer ehemaligen Tänzerin geleiteten Café, in dem sich eine bunte Mischung an Leuten trifft, um über Politik und Probleme des Alltags zu diskutieren. Die familiäre Atmosphäre nimmt ein jähes Ende, als einige Studenten für eine Weile verschwinden und klar wird, dass sie verhaftet wurden.

"Karnak-Café" ist ein kurzer, aber sehr vielschichtiger Roman, in dem Machfus sehr eindringlich schildert, wie die Stimmung in dem Café vergiftet wird, als schließlich jeder beginnt jeden zu verdächtigen. Historischer Hintergrund der Handlung ist der Sechstagekrieg von 1967 und man sollte mit diesen Hintergründen bereits etwas vertraut sein, um dem Roman gänzlich folgen zu können. Ich hatte nur wenig Vorwissen und daher ab und zu Schwierigkeiten, der Handlung zu folgen, aber dennoch hat mir der Roman sehr gut gefallen.


Marie Hermanson - Der unsichtbare Gast

Für Florence Wendman ist die innere Uhr 1943 stehengeblieben. Auf ihrem Gut hat sie ein Grüppchen junger Menschen versammelt, die allesamt im Leben gescheitert sind und nun für Florence' Dienstboten spielen und Feste vorbereiten für Gäste, die in Wahrheit schon lange tot sind. Als in diese seltsame Gemeinschaft weitere Menschen eindringen, lässt sich aber die wirkliche Welt nicht weiter ausschließen.

Die Inhaltsbeschreibung hat mich auf den Roman neugierig gemacht und tatsächlich ist die Ausgangssituation interessant. Marie Hermanson schildert die Gemeinschaft auf Gut Glimmenäs sehr anschaulich und erschafft eine vermeintliche Idylle, bei der von Anfang an klar ist, dass sie nicht ewig halten kann. Obwohl mir der Hintergrund gefallen hat und der Roman spannend zu lesen ist, fand ich aber doch vieles zu sehr an den Haaren herbeigezogen. Die Handlung wirkt gerade zum Ende hin sehr konstruiert und es gibt eine ganze Reihe von Logiklücken (etwa, dass die Polizei um einen rätselhaften Tod herum anscheinend kaum Nachforschungen anstellt). Da ich auch die Figuren eher eindimensional fand, konnte mich der Roman leider nicht so begeistern, wie ich es mir anfangs erhofft hätte.

Freitag, 12. Mai 2017

Carol Rifka Brunt - Tell the Wolves I'm Home

erschienen bei Penguin Random House
wo entdeckt: Buchflimmern
woher: Büchereien Wien (e-Library)

Die vierzehnjährige June hat nicht viele Ansprechpersonen in ihrem Leben. Ihre Eltern sind den ganzen Tag mit Arbeit eingedeckt, von ihrer älteren Schwester Greta hat sie sich entzweit und in der Schule kann niemand etwas mit Junes Begeisterung für das Mittelalter anfangen. Verstanden fühlt sie sich nur von ihrem Onkel und Paten Finn. Als dieser an Aids stirbt, wird June nicht nur ihrer einzigen Ansprechperson beraubt, sondern sie muss auch entdecken, dass sie Finn nie richtig gekannt hat.

"Tell the Wolves I'm Home" (der Titel eines Gemäldes, das im Buch eine wichtige Rolle spielt) spricht einige ernste und teils kontroverse Themen an: das Unwissen über Aids in den 80er Jahren und die Stigmatisierung, die für die Betroffenen damit verbunden war; die Vorurteile Homosexualität gegenüber; das Außenseitertum einer Jugendlichen, die Interessen jenseits der gängigen Norm hat.
Ich habe den Umgang mit diesen Themen sehr gut umgesetzt gefunden und ich fand das Buch auch sehr flüssig und fesselnd zu lesen.

Carol Rifka Brunt versetzt sich hier sehr einfühlsam in die Gedankenwelt eines jungen Mädchens und beschreibt auch Junes Begeisterung für die Vergangenheit sehr schön. Sie entwirft interessante und mehrdimensionale Figuren, mit denen ich allerdings meine Probleme hatte.
Sowohl Greta, als auch die Mutter und schließlich auch June sind offensichtlich nur zu einer gänzlich selbstsüchtigen Liebe fähig und reagieren, sobald sie nicht mehr die alleinige Liebe der anderen Person besitzen, nicht nur sehr eifersüchtig, sondern geradezu gehässig. Die Art, wie sie bewusst andere Menschen verletzen, ist schon harter Tobak. Ebenso schwer zu ertragen fand ich es, wie die Menschen in ihrer Umgebung diese Verletzungen hinnehmen und sich teilweise auf eine fürchterliche Weise emotional erpressen lassen. Und June, die Opfer eines solchen Verhaltens wird, verhält sich selbst wiederum keinen Deut besser. Das machte es mir sehr schwer, Sympathien für sie zu empfinden, obwohl ich ihre Schüchternheit und ihre Probleme mit den Mitschülern wiederum sehr gut nachvollziehen konnte.
Ich will noch nicht einmal behaupten, dass so ein Verhalten unrealistisch ist, aber ich fand es beim Lesen teilweise kaum zu ertragen. Das ist natürlich auch ein Zeichen für die Fähigkeiten der Autorin, dass mich das Buch so aufgewühlt hat. Und die Figuren schaffen es im Laufe des Buches auch, dazuzulernen und sich weiterzuentwickeln.
Finn und dessen Lebensgefährte Toby werden hingegen schon fast als "zu gut um wahr zu sein" gezeichnet - hier hätte ich mir etwas weniger Extreme auf der einen Seite und dafür mehr Schwächen auf der anderen Seite gewünscht.

Alles in allem hat mich aber "Tell the Wolves I'm Home" sehr fasziniert und auch gefesselt. Es ist eine spannende Coming-of-Age-Geschichte, die auch einige brisante Themen aufwirft, bei der ich allerdings teilweise ein Problem mit dem Verhalten der Figuren hatte.

Sonntag, 7. Mai 2017

Buchstabengeplauder #74

Irgendwie ist beim Wetter die Nachricht noch nicht angekommen, dass der April vorbei ist - noch immer wechselt das Wetter täglich oder auch stündlich von Frühlingsstimmung zu Wintergefühlen und wieder zurück. Dementsprechend tut sich bei mir auch dieses Jahr noch nicht sehr viel am Balkon. Die Frühlingsblumen, die ich schon vor längerem eingepflanzt habe, blühen fröhlich vor sich hin, aber abgesehen davon wächst alles nur sehr zögerlich (immerhin zeigen sich erste schüchterne Triebe beim Pflücksalat und der Schnittlauch schießt nur so in die Höhe).


So bin ich heute auch im einen Moment noch draußen in der Sonne gesessen und habe gelesen, ehe dann im nächsten Moment ein Sturm mit heftigen Regenschauern losging. Mal sehen, ob wir dieses Jahr noch ein paar stabil sonnige Frühlingstage bekommen, bevor dann bereits die Sommerhitze kommt.

Nach dem Readathon letzte Woche musste ich natürlich zwangsläufig meine Lesezeit wieder runterschrauben. Derzeit lese ich Slow Travel von Dan Kieran, habe unterwegs Moby Dick von Herman Melville mit dabei (dank hauchdünner Seiten ist das Buch trotz seiner Länge recht handlich - nur doof zum Umblättern) und höre noch immer A Song for Arbonne von Guy Gavriel Kay. 
Da ich aber noch immer hoffnungslos bei den Rezensionen hinterherhinke, ist es aber vermutlich ganz gut, wenn ich gerade nicht zu schnell lese ... 
Derzeit sind bei mir noch 12 Bücher dieses Jahres unrezensiert. Ich plane nicht, zu allen eine Rezension zu schreiben, aber zumindest bei etwa der Hälfte davon habe ich das schon noch vor. Allerdings fällt es mir immer so schwer, meine Meinung zu einem Buch zu formulieren, wenn ich es schon vor einer längeren Zeit gelesen habe.

Wie geht ihr denn da vor beim Rezensieren? Macht ihr euch Notizen zum Buch beim oder unmittelbar nach dem Lesen? Schreibt ihr auch Rezensionen zu Büchern, die ihr schon vor längerem gelesen habt oder bleiben diese dann bei euch unrezensiert?

Mittwoch, 3. Mai 2017

Kathleen Winter - Eisgesang. Meine Reise durch die Nordwestpassage

erschienen bei btb
woher: Buchhandlung Kuppitsch 


Die kanadische Autorin Kathleen Winter begleitet als Passagierin auf einem russischen Eisbrecher eine Gruppe von Forschern und Touristen durch die legendäre Nordwestpassage. Auf der Reise lernt sie nicht nur einiges über den Norden, sondern reflektiert auch über ihr eigenes Leben.

Wer bereits länger meinen Blog verfolgt, hat vielleicht schon mitbekommen, dass ich ein gewisses Faible für Polarexpeditionen habe. Wenn ich "Nordwestpassage" höre, ist also sofort mein Interesse geweckt und meine Erwartungen an "Eisgesang" waren entsprechend hoch. Erfüllt wurden sie dann aber leider nur zum Teil. 
Kathleen Winter erzählt in diesem Buch von einer Reise, die vordergründig durch die Nordwestpassage, tatsächlich aber mehr zu ihrem eigenen Selbst führt. In England geboren und in der Kindheit mit ihrer Familie nach Kanada ausgewandert, fühlt die Autorin sich mit etwa fünfzig Jahren noch immer entwurzelt. In einsamen Momenten der Reise, letztendlich auch ausgelöst durch Fragen nach der Identität, die sich viele Inuit nach Umsiedlungen im Norden Kanadas stellen, denkt sie über ihre eigene Geschichte nach: die Auswanderung, ihre erste Ehe, die mit dem Tod ihres Mannes endete, ihre zeitweilige Armut, ihr Gefühl der Fremdheit in Kanada. Obwohl ihre Beschreibungen sprachlich schön und eindringlich sind und ich ihre Geschichte auch nicht uninteressant fand, war mir das etwas zu langatmig, zu repetitiv und stellenweise auch zu selbstmitleidig.

Interessanter sind da auf jeden Fall ihre Eindrücke von der Landschaft und Kultur des Nordens, wobei sie auch von der Inbesitznahme des nordamerikanischen und grönländischen Gebietes durch Kanada und Dänemark erzählt und von den Folgen, die das für die Inuit und deren Lebensraum hatte. Die Autorin spart hier nicht mit berechtigter Kritik an der Vorgehensweise sowohl in der Vergangenheit als auch der Gegenwart. 
In dem Zusammenhang streut sie auch immer wieder historische Einschübe von der Erforschung der Nordwestpassage ein, die für sie zugleich einen Beweis der westlichen Überheblichkeit darstellt: Indem die Entdecker sich alle zu wenig auf das Land einließen und die Einwohner mit Ignoranz straften, konnten sie letztendlich nur scheitern. Etwas befremdlich fand ich allerdings, dass Roald Amundsen, der genau diese Ignoranz widerlegt - er verbrachte Monate bei den Inuit auf Grönland, um von ihnen mehr über das Leben in der Arktis zu erfahren und durchquerte dann als erster auch die Nordwestpassage - von ihr nur sehr nebenbei erwähnt wird. Fast kam es mir vor, als würde er ihr einfach nicht in das Bild der Arroganz und Ignoranz der weißen Forscher passen, das sie in dem Buch vermittelt.

Trotz dieser Kritikpunkt lässt sich das Buch sehr schön lesen. Kathleen Winter hat einen poetischen Schreibstil und zeichnet auch sehr lebhafte Bilder ihrer Mitreisenden. Sie schließt ein paar Freundschaften, während sie sich von anderen bewusst abzugrenzen versucht - und hier kommt leider schon mein nächster Kritikpunkt. Ihre abwertende Haltung der Arbeit mancher Forscher gegenüber kommt ebenso deutlich zum Ausdruck wie das Gefühl der Überlegenheit manchen Mitreisenden gegenüber, deren Zugang zur Reise ihr zu touristisch oder oberflächlich erscheint.

Man könnte vielleicht zusammenfassend sagen, dass ich die schriftstellerischen Fähigkeiten von Kathleen Winter in dem Buch sehr geschätzt habe, sie mir als Person aber oft unsympathisch war. Und das ist natürlich ein umso größeres Problem, wenn es in dem Buch so sehr um sie als Person und um ihre Empfindungen geht. Das konnten dann auch die informativen Teile und die schönen Beschreibungen für mich nicht mehr ganz wettmachen.

Montag, 1. Mai 2017

Brandon Sanderson - The Rithmatist


erschienen bei Tor und Pan
woher: bei Gewinnspiel von Elena gewonnen 


Sein Leben lang hat Joel sich gewünscht, ein Rithmatist zu sein - ein Magier, der Kreidefiguren zum Leben erwecken kann. Da er die seltene Gabe nicht besitzt, bleibt ihm an der Armedius Academy nur die Beschäftigung mit der Theorie der Rithmatik.
Als plötzlich Schüler der Akademie auf unerklärliche Weise verschwinden, soll Joel gemeinsam mit der Rithmatistin Melody einen Professor der Schule bei Nachforschungen assistieren. Damit bringt Joel sich selbst ins Visier des Täters.

Ich hatte mit Brandon Sanderson einen mehr als holprigen Start. Seine High Fantasy-Romane "Elantris" und "Kinder des Nebels" habe ich abgebrochen; mit seinem Jugendbuch "Alcatraz" konnte ich überhaupt nichts anfangen. Nachdem mir "The Rithmatist" mehrmals als Herz gelegt wurde, wollte ich dem Autor damit eine letzte Chance geben - und das hat sich mehr als gelohnt!

"The Rithmatist" ist der weitgehend in sich geschlossene Auftakt zu einer Jugendbuchreihe, die vom Genre her im Bereich Urban Fantasy oder Steampunk einzuordnen ist. Die Hintergrundwelt ist ein Art alternatives Amerika mit einem Netz aus Inseln - den United Isles - und steampunkartiger Technologie. Auf den Inseln befinden sich mehrere Akademien, in denen neben normalen Schülern auch Rithmatisten unterrichtet werden. Joel kommt zwar aus armen Verhältnissen, aber da sein verstorbener Vater Kreidemacher war und seine Mutter zum Putzpersonal der Akademie gehört, darf er die Schule besuchen.

Die Rithmatisten sind quasi die Elite der Akademie. Sie können Kreidezeichnungen zum Leben erwecken und lernen, wie sie Verteidigungskreise und Kreidefiguren zeichnen müssen, um nach ihrer Ausbildung auf der Insel Nebrask kämpfen zu können, wo Rithmatisten gefährliche "wild chalklings" in Schach zu halten versuchen.
Das Magiesystem in diesem Buch ist sehr originell und von Sanderson bis ins Detail ausgearbeitet. Ich hatte zunächst Probleme damit, mir alles vorzustellen, vor allem bei den Übungsduellen zwischen den Rithmatisten, aber das Buch enthält zahlreiche Bilder von Ben McSweeney, die klar illustrieren, wie die Kreidezeichnungen aufgebaut sind und wie sie funktionieren. 
Da Joel wie besessen von der Rithmatik ist und alle Theorie rund um die Magie nur so in sich aufsaugt, wird man von ihm mit weiteren Informationen zu dem System versorgt - besonders in seinen Gesprächen mit Melody und Professor Fitch.


Anfangs kamen mir die Kreidefiguren nicht allzu gefährlich vor, aber es wird schnell klar, dass sie eine echte Bedrohung für einen Menschen sind. Einige Beschreibungen sind für ein Jugendbuch ziemlich grausam und furchteinflößend, aber alles in allem hält sich die Gewalt in dem Buch relativ in Grenzen. Die Handlung ist auch eher ruhig als actionreich, aber ich fand das Buch dennoch sehr spannend. 
Der Autor wirft eine ganze Reihe von Rätseln auf, mit deren Lösung die Protagonisten ordentlich beschäftigt sind. Über weite Strecken hat der Roman daher fast die Struktur eines Krimis - es gibt ungeklärte Fälle und Ermittlungen, die im Mittelpunkt der Handlung stehen. Der Krimiplot ist auch richtig gut gelungen. Man kann miträtseln, bekommt einige überraschende Wendungen und kann doch alles logisch nachvollziehen.

Auch die Figuren fand ich rundum gelungen. Joels Wissbegierde, seine Begeisterung für alles rund um die Rithmatik und seine Faulheit, was die Schule sonst betrifft, machen ihn zu einem sehr glaubwürdigen Teenager. Er kämpft damit, kein Rithmatist zu sein, verfällt aber weder darüber noch über die Tatsache, dass seine Familie so arm ist, in maßloses Selbstmitleid. Die impulsive Melody ist sein Gegenpol - sie kämpft mit den Einschränkungen und Bestimmungen, die ihr als Rithmatistin auferlegt sind und scheint in dieser Materie auch sehr unbegabt zu sein.
Obwohl die beiden zunächst nur wenig miteinander anfangen können, haben sie doch gemeinsam, dass sie Außenseiter sind und durch die gemeinsamen Nachforschungen entwickelt sich allmählich so etwas wie Freundschaft.

Die Themen Außenseitertum, Armut und der Verlust eines Elternteils bleiben eher im Hintergrund, aber Sanderson geht sehr einfühlsam damit um und verleiht dem Roman damit auch eine emotionale Tiefe. Leider mangelt es an dieser dann wiederum ein paarmal, wenn Szenen von großer emotionaler Tragweite allzu schnell abgehandelt werden.
Das ist aber auch schon mein einziger Kritikpunkt an diesem sonst rundum gelungenen Jugendbuch. Ich freue mich nun schon sehr auf die Fortsetzung und hoffe, dass diese bald erscheinen wird - schließlich gibt es noch so einige ungelöste Fragen, die auf eine Beantwortung warten.