Dienstag, 30. Juni 2015

Sanderson und eine gescheiterte Challenge

Als Elena und crini letztes Jahr die Challenge "Ein Jahr mit Brandon Sanderson" ins Leben gerufen haben, war mir schnell klar, dass ich da mitmachen möchte. Immerhin hatte ich schon seit langem geplant, mal etwas von Sanderson zu lesen.
Am meisten gereizt hätte mich im Grunde "A Way of Kings", aber die Aussicht auf eine so lange und großteils noch unvollständige Serie schreckte mich dann doch ab. Ich brauche gerade kein zweites "Song of Ice and Fire". Also habe ich beschlossen, mit einem seiner Einzelbände zu beginnen. Meine Wahl fiel daher auf Elantris, das ich auch pünktlich für den ersten Sanderson-Lesemarathon in der Bücherei ergattern konnte. Leider war der Roman aber nicht so ganz mein Fall und ich habe ihn schließlich nach etwa 250 Seiten abgebrochen.

Danach fiel es mir schwer, mich zu einem weiteren Buch von Sanderson zu motivieren. Erst vor kurzem habe ich Kinder des Nebels ausgeliehen - und es erst einmal bei mir zuhause versauern lassen. Ich konnte mich nicht und nicht dazu aufraffen, mit dem Lesen zu beginnen. Als schließlich der Rückgabetermin näherkam, habe ich es mir doch endlich geschnappt, bin aber nicht sehr weit gekommen.
Ich weiß nicht, ob es der falsche Zeitpunkt dafür war oder ob mich die erste negative Erfahrung mit Sanderson noch zu sehr beeinflusste, aber ich musste mich zu jeder Seite beinahe zwingen und so gab ich bald wieder auf.

Damit hatte ich die Challenge für mich schon fast abgehakt, bis mir auf einmal Alcatraz wieder einfiel. Keine High Fantasy, keine Serie, die mehrere tausend Seiten umfasst, sondern Jugendbücher von überschaubarer Länge. Und in der Onleihe waren die ebooks der ersten drei Bände sogar gerade verfügbar. Den ersten Band habe ich relativ flott gelesen und rein zeitlich könnte ich die weiteren sicher auch noch schaffen (für die Challenge erforderlich sind mindestens 3 Bücher), aber ganz ehrlich: Ich mag einfach nicht.
Obwohl ich diesmal nicht abgebrochen habe, war auch "Alcatraz und die dunkle Bibliothek" überhaupt nicht mein Fall. Ich werde in den nächsten Tagen noch eine (Kurz-)Rezension dazu schreiben, daher möchte ich jetzt gar nicht genauer darauf eingehen, aber ich fand leider sowohl den Schreibstil als auch die Figuren sehr anstrengend.

Tja, und somit muss ich mir mein Scheitern bei der Challenge eingestehen. Drei Anläufe - ich muss mir zumindest nicht vorwerfen, dass ich es gar nicht probiert hätte.
Ob Brandon Sanderson nun einfach nicht der richtige Autor für mich ist oder ob es gerade nicht der richtige Zeitpunkt ist - keine Ahnung. Viele sind ja sehr begeistert von ihm und daher kommt es mir die ganze Zeit so vor, als hätte ich beim Lesen irgendetwas verpasst.
Vielleicht gebe ich ihm irgendwann noch einmal eine Chance - und dann vielleicht doch mit "The Way of Kings". Aber nicht jetzt.

Trotzdem danke für die tolle Challenge-Idee, Elena und crini! Ich wünsche euch und den anderen Teilnehmern noch einen schönen Endspurt!

Samstag, 27. Juni 2015

[Wiener Streifzüge] Über den Hundsberg

BeschreibungWien geht: Track24
StartpunktKritzendorf (Linie S40)
EndpunktHöflein an der Donau (Linie S40)
Gehzeitgut 3 Stunden

Dieser Streifzug beginnt beim Bahnhof Kritzendorf (mit der Schnellbahn etwa 15 Minuten außerhalb von Wien) und führt zunächst durch das kleine Dörflein, bis von der Hauptstraße der Thomas Brunner Weg abzweigt. Dieser Weg mündet schließlich in einen kleinen Waldweg - und es ist gut, dass dieser in der Beschreibung schon als klein und verwachsen bezeichnet wird, denn sonst hätte ich hier bezweifelt, ob ich mich noch auf dem richtigen Weg befand:


Von hier ging es die ganze Zeit bergauf Richtung Hundsberg und mir wurde mal wieder bewusst, dass meine Kondition nicht die beste ist ... Daher war ich ganz froh, als ich den "Türkischen Backofen" passierte und dieser mir einen Grund für eine kurze Fotopause gab. ;-)



Mittlerweile hatte ich schon einen ganz guten Blick hinunter auf Kritzendorf und Wien


Kurz nach dem Backofen (und einige Höhenmeter später) kam ich zur Paula-Kapelle, wo ich eine kleine Pause einlegte.


Danach war aber das schlimmste geschafft und es ging großteils flach weiter über den Hundsberg und Richtung Hadersfeld. Die ganze Zeit begegnete mir nicht eine Menschenseele, dafür aber allerhand Getier:




Vor einer Weggabelung war ich dann etwas ratlos, da die Beschreibung besagte, man solle sich Richtung Westen halten und den Schildern nach Hadersfeld folgen. Nun ja, die Wege führten beide in westliche Richtung und beide waren mit Hadersfeld ausgeschildert. Ich entschied mich schließlich für den linken Weg, aber nach einer Weile schwante mir dann, dass das der falsche sein müsste. Also ging es querfeldein durch den Wald zu dem anderen Weg.
Auf diesem erreichte ich dann auch Hadersfeld, das ich durchquerte.

Am Ortsende (bzw. -anfang) von Hadersfeld
Von Hadersfeld aus führte mich der Weg dann wieder in den Wald und hinab nach Altenberg. Es ging hier in - teils sanften, teils steilen - Serpentinen eine geraume Zeit bergab und dadurch wurde mir erst bewusst, dass ich am Anfang der Wanderung doch so einige Höhenmeter hinauf gemacht haben musste. Vielleicht lags also doch nicht nur an meiner Kondition, dass ich dabei so ins Schwitzen geraten war ...
Auf dem Weg nach unten legte ich noch einmal eine kleine Ehrenrunde ein, als ich erneut bei einer Weggabelung die falsche Abzweigung nahm. Aber schließlich erreichte ich doch Altenberg, wo ich auf dem Weg zur Donau einen weiteren Umweg machte ...
Dafür war der Weg aber von jetzt an idiotensicher, da es nun einfach nur direkt am Donaualtarm entlangging:

im Hintergrund die Burg Greifenstein
Ich hätte Badesachen einpacken sollen
Schießlich ließ ich den Donaualtarm hinter mir und ging nun direkt an der Donau entlang. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon einigermaßen müde Füße und spielte mit dem Gedanken, ein Boot zu klauen, um damit geradewegs nach Wien zu schippern. ;-)


In Höflein schließlich nahm ich wieder die S40 zurück nach Wien. Eigentlich wäre der Streifzug noch weiter bis nach Kritzendorf gegangen, aber durch meine diversen Umwege war ich ohnehin schon länger als 3 Stunden unterwegs gewesen und hatte mittlerweile genug, wie ich zugeben muss.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Streifzügen, die ich bislang so unternommen habe, ist dieser doch etwas fordernder, aber dennoch schön zu gehen. Mit Wäldern, Donauuferweg und kleinen Dörfern ist er auch recht abwechslungsreich und fern jeglicher Stadthektik. Ich weiß nicht, wie es am Wochenende ist, aber zumindest unter der Woche war hier von Kritzendorf bis nach Altenberg niemand unterwegs - also wirklich ein sehr ruhiger Streifzug. Erst am Donauuferweg wurde es dann etwas belebter.

Mittwoch, 24. Juni 2015

Jo Walton - What Makes This Book so Great?


Sammlung von Essays
Seiten: 448
Verlag: Corsair
ASIN: B00GHK72U8
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternchen

Sachbuch-Challenge


"What Makes This Book so Great" ist eine Sammlung von über 100 Blogbeiträgen, die die Autorin Jo Walton für Tor.com geschrieben hat. Man könnte die Beiträge also auch einfach direkt dort lesen, aber bequemer ist es doch in Buchform (bzw. ebook-Form), zumal die Autorin aus etwa 500 Beiträgen die ihrer Meinung nach besten ausgewählt hat.

Jo Walton schreibt darin in erster Linie über Rereads von Büchern - vor allem von Klassikern aus dem Fantasy- und Science Fiction-Genre, aber es kommen auch aktuelle Werke und Bücher außerhalb der phantastischen Genres vor. Sehr viele Beiträge widmet sie Lois McMaster Bujold, deren gesamten Barrayar-Zyklus sie bespricht. Weitere AutorInnen sind etwa C. J. Cherryh, Keri Hulme, Daniel Abraham, George Eliot, Robert A. Heinlein, George R.R. Martin, Dorothy L. Sayers und Samuel Delany (um nur ein paar zu nennen).
Jo Waltons Beiträge sind keine Literaturkritik und auch keine Rezensionen in dem Sinn. Vielmehr ist es der Blick einer leidenschaftlichen Leserin auf Bücher, die sie liebt, auf deren Stärken und Schwächen und das, was sie daran besonders begeistert. Manchmal geht sie auch darauf ein, wie sich ihr Blick auf das jeweilige Buch im Laufe der Zeit verändert hat und was sie daran Neues entdeckt hat.
Es ist diese pure Begeisterung, die Waltons Sammlung zu einem wahren Lesevergnügen macht - allerdings auch zu einem gefährlichen. Mit der Lektüre dieses Buches ist meine Wunschliste nahezu explodiert und bei meinem letzten Büchereibesuch habe ich auch bereits nach einigen der erwähnten Werke Ausschau gehalten. Viele davon sind leider nur noch schwer aufzutreiben und manche wurden auch gar nie ins Deutsche übersetzt. Abgesehen von Klassikern des Genres bin ich hier also auch auf viele Bücher gestoßen, von denen ich vorher noch nie gehört habe.

Ein Buch über Bücher - wird das nicht nach ein paar Seiten langweilig? Nein, gar nicht. Ich kann nicht genau sagen, ob es dabei von Vorteil ist, wenn man die darin besprochenen Bücher kennt oder nicht. Ich kannte die meisten nicht und habe mich gefreut, auf unbekannte Werke aufmerksam gemacht zu werden, aber es war auch spannend zu lesen, was Walton über Bücher schreibt, die ich selbst ebenfalls gelesen habe.
Sie betrachtet auch nicht alle Bücher auf dieselbe Weise. Manchmal geht sie kritisch auf das Frauenbild oder Diversität ein, manchmal konzentriert sie sich auf die darin erschaffene Welt und manchmal (etwa beim "Song of Ice and Fire") überlegt sie, was manche Bücher eigentlich zu so einer "Droge" macht, dass man nach dem Lesen eines Bandes sofort nach dem nächsten giert.

Zwischendurch gibt es auch ganz allgemeine Beiträge, etwa zu dem Thema, weshalb sie überhaupt manche Bücher mehr als einmal liest und welche Freude (oder auch Enttäuschung) so ein Reread sein kann.
"When I re-read, I know what I’m getting. It’s like revisiting an old friend. An unread book holds wonderful unknown promise, but also threatens disappointment. A re-read is a known quantity."
Gerade bei diesen allgemeinen Beiträgen kann es übrigens spannend sein, diese auch nochmal auf Tor.com zu suchen und dazu auch die Kommentare zu lesen, in denen darüber eifrig diskutiert wurde.

Ich habe zu "What Makes This Book so Great" vornehmlich deshalb gegriffen, weil ich gehofft habe, dass ich darin mehr erfahren werde zu einigen Büchern, die Jo Walton in In einer anderen Welt erwähnt. Diese Hoffnung hat sich zum Teil erfüllt, aber ich hatte auch sonst sehr viel Freude an diesem Buch. Zum einen hat Jo Walton mich nahezu angesteckt mit ihrem Enthusiasmus (und war maßgeblich mit ein Grund, weshalb ich über mein Leseverhalten nachgedacht habe); zum anderen macht sie sich auch einige sehr kluge Gedanken zu den Büchern, die ich sowohl aus Leser- als auch aus Schreibersicht sehr interessant fand.

Ab und zu haben mich dann aber manche Beiträge doch gelangweilt, weil mich die darin besprochenen Bücher schlichtweg nicht interessiert haben. Das ist bei so einer Sammlung vermutlich unumgänglich - umso mehr, wenn man sie in einer so kurzen Zeit liest wie ich.
Dennoch war es für mich eine sehr lesenswerte Lektüre, die mir außerdem auch zahlreiche neue Bücher auf der Wunschliste beschert hat.

Dienstag, 23. Juni 2015

Buchstabengeplauder #33

Ich bin ganz überwältigt, wieviele lange Rückmeldungen ich zu meinem Beitrag zum Leseverhalten früher und heute erhalten habe. Nalieku Windmaus hat dazu sogar einen eigenen Beitrag geschrieben, der sehr interessant ist. Ich habe es wirklich spannend gefunden, mit euch über das Thema zu diskutieren - zumal anscheinend viele auch sehr ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
In nächster Zeit wird es vielleicht öfter mal solche Beiträge von mir zum Lesen ganz allgemein und auch zu bestimmten Büchern geben - ich habe mir noch so einiges notiert, was ich hier gern mal ansprechen möchte.

Mein Beitrag hat mich jetzt übrigens selbst dazu inspiriert, mal wieder ein bisschen mehr auszuprobieren. Derzeit lese ich Katzenwiege von Kurt Vonnegut, was doch deutlich außerhalb meiner sonstigen Komfortzone liegt. Ich finde das Buch auch ziemlich seltsam und weiß noch nicht genau, wo es überhaupt hinführt, aber dennoch gefällt es mir bisher.
Ebenfalls als Folge meines Beitrags und der daraus resultierenden Diskussionen habe ich mir für morgen einen internetfreien Tag vorgenommen. Ich habe morgen ausnahmsweise frei (trotz meiner unregelmäßigen Dienstzeiten ist der Mittwoch sonst bei mir immer ein fixer Arbeitstag) und möchte den Tag nutzen, ohne im Internet zu versumpfen. Ob ich es mir nun mit meinen aktuellen Handarbeitsprojekten gemütlich mache, endlich mal in ein Museum gehe, das ich schon lange sehen möchte oder einen Streifzug unternehme (oder alles zusammen), wird sich dann zeigen. Ich denke mir, dass auch ein Lesetag, den ich mal nicht auf dem Blog protokolliere, eine schöne Sache wäre. 
Sollte übrigens morgen hier eine Rezension zu Jo Waltons "What Makes this Book so Great" erscheinen, habe ich nicht zwangsläufig meinen Vorsatz gebrochen, sondern sie heute noch vorgeschrieben. ;-)

Ansonsten denke ich derzeit darüber nach, die Infobox bei den Rezensionen, die ich immer neben das Cover stelle, ein wenig zu verändern. Vielleicht nehme ich in Zukunft ein paar der Fakten raus, die man ohnehin schnell findet und ersetze sie durch persönlichere Infos - etwa, wie ich auf das Buch aufmerksam geworden bin. Mal überlegen.

Mein Geburtstag (der schon vor einer Woche war, also ihr braucht mir nicht mehr gratulieren *g*) hat mir außerdem ein paar neue Bücher sowie Büchergutscheine beschert. Ein Wunschbuch war Was geschah mit Schillers Schädel? Alles, was Sie über Literatur nicht wissen, während Wo stehen hier die ebooks? eine sehr gelungene Überraschung war. Dabei handelt es sich quasi um eine Kompilation der Facebook-Einträge von Monika Reitprecht, die für die absolut geniale Facebook-Seite der Städtischen Büchereien Wien zuständig ist - dort lese sogar ich als Facebook-Verweigerin mit. Umso mehr habe ich mich darüber gefreut, das ganze nun in Buchform zu haben.
Außerdem warte ich noch auf Lord Dunsanys Der Schatten der Scheuermagd, von dem eine Freundin für mich ein gebrauchtes Exemplar aufgetrieben hat, das irgendwann diese Woche bei mir eintrudeln sollte.
Genug neuer Lesestoff also mal wieder - umso mehr, weil ich mich am Samstag auch in der Bücherei eifrig eingedeckt habe.


Freitag, 19. Juni 2015

Leseverhalten früher und heute

Vor einer Weile habe ich in meiner Rezension zu Besessen erwähnt, dass ich anscheinend mittlerweile eine ungeduldigere Leserin bin als früher. Ariana hat in den Kommentaren geschrieben, dass das bei ihr auch so ist - vor allem, weil es oft schwer ist, überhaupt Ruhe zum Lesen zu finden, wenn man viel um die Ohren hat.
Das ist bei mir sicher ein Teil des Problems (sowie eine allgemeine Rastlosigkeit, die es mir oft unmöglich macht, mich voll und ganz auf eine Sache zu konzentrieren), aber ich habe das Gefühl, dass ich früher außerdem viel offener bei meiner Buchauswahl war.
Ich weiß nicht, ob das ungewöhnlich ist, da ich den Eindruck habe, dass manche eher erst im Laufe der Zeit anfangen, sich auf unterschiedliche Genres und Erzählweisen einzulassen. Bei mir dagegen war wohl meine Teenagerzeit meine experimentierfreudigste Lesephase. Nun bin ich ja immer noch eine Querbeet-Leserin, aber früher hatte ich noch viel weniger Berührungsängste und habe auch nie im Vorfeld darüber nachgedacht, ob dieses oder jenes Buch mir überhaupt gefallen könnte.

Das witzige ist, dass das zum Teil aus einer Not heraus entstanden ist. Ich war ja schon als Kind eine große Leseratte, aber im Alter von 10 oder 11 Jahren habe ich meine erste Lesekrise erlebt. Aus den Kinderserien, die ich bis dahin so geliebt hatte (Fünf Freunde, Die schwarze Sieben, Trixie Belden, diverse Pferdeserien, Dolly, usw.) war ich langsam herausgewachsen. Zwar griff ich auch zu denen weiterhin gerne, aber ich war doch immer mehr auf der Suche nach neuem und "erwachsenerem" Lesestoff.
Damals war die kleine Bücherei in meiner Heimat in punkto Jugendbücher äußerst kläglich ausgestattet - da gab es vor allem Herzschmerz und Problembücher und abgesehen davon herrschte Ebbe. Und so habe ich mich durch alles mögliche durchprobiert. 
Die ersten Erwachsenenbücher, die ich für mich entdeckt habe, müssen die Krimis von Agatha Christie gewesen sein. Im Sommer, als ich 10 Jahre alt geworden war, war ich mit meiner Familie im Urlaub und - oh Schreck! - mir ging meine Lektüre aus. Also lieh mir meine Mutter Das Böse unter der Sonne und ich war begeistert. Nun führte mich also in der Bücherei mein Gang fast immer zum Buchstaben "C", aber da ich nicht nur Krimis lesen wollte, musste ich meine Fühler weiter ausstrecken.

Während also die meisten meiner Klassenkameradinnen gar nicht lasen oder eben jene Herzschmerz-Teenie-Bücher, probierte ich mich in den nächsten Jahren sozusagen quer durchs Gemüsebeet.
Ich entdeckte Hohlbein und damit im Grunde auch das Fantasygenre; ich entdeckte Marion Zimmer Bradley und las ihre Werke rauf und runter; ich las mich durch die umfangreiche Jules Verne-Sammlung bei uns im Wohnzimmer und entwickelte eine erste Austen-Phase. 
Soweit war das alles noch alterstypisch, aber daneben griff ich bei den Büchern meiner Mutter auch zu William Somerset Maugham, Shakespeare, Albert Camus und Gerhard Roth. Schullektüre, die die meisten in meiner Klasse als notwendiges Übel empfanden, war für mich eine willkommene Chance, neue Autoren zu entdecken (Max Frisch und Anna Mitgutsch etwa).
In der Bücherei stieß ich auf das erwähnte Besessen von Byatt und schließlich auf Margaret Atwood. Das erste Buch, das ich von ihr gelesen habe, müsste Katzenauge gewesen sein (als Geschichte über Freundschaft hatte mich der Klappentext als Jugendliche natürlich angesprochen), aber so richtig begeistert hat mich Der Report der Magd. Und dann Haslingers Opernball - meine Güte, hat mich dieser Roman umgeworfen!

Ich finde es faszinierend, dass ich damals nie vor etwas zurückgeschreckt bin aus Angst, es könnte mir zu anspruchsvoll, zu sperrig oder zu langweilig sein. Wie ist es nur möglich, dass ich als Vierzehnjährige mit größerem Enthusiasmus zu so manchem literarischen Werk gegriffen habe als nun mit einem abgeschlossenen Germanistikstudium?
Was nicht heißt, dass ich jetzt Klassiker oder Gegenwartsliteratur nicht mehr gern lese - aber es kostet mich manchmal so viel Überwindung, damit anzufangen und manchmal auch, weiter dranzubleiben. Oft wünsche ich mir dann, ich könnte wieder so unbekümmert zu solchen Werken greifen wie früher - und auf einen langsamen oder schwierigen Einstieg ebenso geduldig reagieren. Ich wünsche mir auch, ich könnte mich einfach wieder mehr auf das Buch konzentrieren, das ich aktuell lese und nicht bereits an das nächste Buch denken, das auf mich wartet.

Ich frage mich wirklich, woran diese Veränderungen im Leseverhalten eigentlich liegen. Ist das eine ganz normale "Nebenwirkung" des Älterwerdens? Hängt es damit zusammen, dass ich als Jugendliche noch nicht so viel Kram im Kopf hatte, der mich gern mal beim Lesen blockiert? Oder hat es auch etwas mit dem Internet zu tun, das eine so unermessliche Informationsquelle für Bücher ist, es mir aber auch fast unmöglich macht, mich auf bekannte AutorInnen ohne jegliches Vorwissen und demnach ohne jegliche Erwartungen einzulassen? Ist gar meine Tendenz, schon vor der Lektüre Rezensionen zu lesen, um herauszufinden, ob das Buch überhaupt etwas für mich ist, die Wurzel meines Problems?

Wie ist das denn bei euch? Könnt ihr in eurem Leseverhalten ähnliche Änderungen feststellen? Habt ihr euch als Jugendliche auch so unvoreingenommen auf alle möglichen Bücher gestürzt? Habt ihr mittlerweile auch größere Berührungsängste bestimmten Büchern oder Genres gegenüber? Oder habt ihr als Jugendliche noch gar nicht gern gelesen und die Liebe zu Büchern überhaupt erst später entdeckt?

Mittwoch, 17. Juni 2015

Sarah Beth Durst - Ice. Hüter des Nordens



Genre: Phantastik, Jugendbuch
Seiten: 320
Verlag: Egmont LYX
ISBN: 978-3802586026
Meine Bewertung: 2 von 5 Sternchen
Aus dem Englischen übersetzt von Katrin Harlaß



Dieser Roman ist eine moderne Interpretation des norwegischen Märchens "Östlich von der Sonne und westlich vom Mond" und erzählt die Geschichte der jungen Cassie, die in einer arktischen Forschungsstation aufgewachsen ist. An ihrem achtzehnten Geburtstag erfährt sie, dass ihre Mutter, die angeblich bei ihrer Geburt gestorben ist, in Wahrheit in der Festung der Trolle gefangengehalten wird. Um sie zu befreien, muss Cassie einen Eisbären heiraten, der sich nachts in einen Menschen verwandelt.

"Ice" ist ein Buch, das ich gern gemocht hätte und das ich anfangs auch sehr interessant fand, das mich dann aber mehr und mehr verloren hat. Es ist eine seltsame Mischung aus Märchen, Fantasy und einer sehr realistischen Welt im ewigen Eis. Das klingt zunächst noch nicht mal so schlecht, aber leider ist der Autorin die Mischung nicht wirklich gelungen. Am besten funktionierte für mich die realistische Ebene: Cassies Leben in der Forschungsstation und die Beschreibung der arktischen Welt fand ich sehr gelungen.

Cassies Freundschaft und spätere Liebe zu dem gestaltwandelnden Eisbär war für mich dagegen nicht nachvollziehbar, wodurch ich dann auch nicht verstehen konnte, weshalb Cassie so viel für ihn riskiert und ihm einen großen Vertrauensbruch verzeiht. Allgemein bleiben die Beziehungen der Figuren zueinander sehr farblos - so auch das eigenartige Wiedersehen zwischen Cassie und ihrer Mutter. Ich hatte das Gefühl, dass die Autorin vor allem bei den Figuren zwischen märchenhafter Einfachheit und realistischer Charakterzeichnung schwankt und ihr letztlich weder das eine noch das andere gelingt.

Cassies Reise bis ins Reich der Trolle, die die 2. Hälfte des Romans ausmacht, hat mich trotz aller Action eher gelangweilt, weil Sarah Beth Durst hier alle möglichen abstrusen Einfälle in den Roman wirft und es nicht schafft, diese miteinander in Einklang zu bringen oder so zu beschreiben, dass man sich die Szenen vorstellen kann. Auch das liegt zum Teil wieder daran, dass die Handlung einerseits sprunghafte und unlogische Übergänge enthält, wie es bei Märchen oft der Fall ist und andererseits aber Strukturen einer Fantasyqueste beinahe schon epischen Ausmaßes aufweist.

Schließlich gab es noch etwas, das mich sehr gestört hat, aber dazu muss ich auf ein Handlungsdetail eingehen, das so auch nicht im Ursprungsmärchen vorkommt:

Spoiler Anfang
Cassie wird ungeplant schwanger und zwar aufgrund eines Missverständnisses zwischen ihr und dem Eisbären. Das führt zunächst auch zum Zerwürfnis zwischen den beiden und Cassie ist über die Schwangerschaft höchst unglücklich. Während ihrer Reise arrangiert sie sich dann mehr oder weniger (vielleicht eher: wohl oder übel) damit und natürlich lernt sie dann ihr Kind zu lieben, bringt es mal eben während des Showdowns zur Welt und am Ende haben wir eine glückliche Familie. Yay.
Mich hat die Art und Weise, wie das Thema abgehandelt wird - sehr nebenbei und oberflächlich - geärgert, noch mehr aber, dass Bär (wenn auch ohne böse Absicht) Cassie austrickst, was dann letztendlich zu ihrem Glück führt.
Spoiler Ende

"Ice" ist ein Roman, der nach einem sehr atmosphärischen Anfang immer mehr nachlässt und leider kein rundes Ganzes ergibt. Da er über weite Teile stark von dem Originalmärchen abweicht, kann man den Großteil der seltsamen Szenen und Ideen auch nicht durch die Vorlage entschuldigen. Trotz interessanter Ansätze und einem schönen Setting also ein Buch, das ich nicht weiterempfehlen kann.

Freitag, 12. Juni 2015

Beinahe Halbzeit bei der Nobelpreis-Challenge

 

Bald ist die erste Jahreshälfte vorbei und es wird Zeit für eine erste Bilanz bei meiner Challenge. Nun ja, diese ist schnell gezogen, da wir fünf Teilnehmerinnen insgesamt bisher umwerfende zwei Bücher gelesen haben. Ariana und ich haben also die Challenge sehr gemächlich mit bislang jeweils einem Buch begonnen, während die anderen noch in den Startlöchern stehen geblieben sind. ;-)

Ihr Lieben, lasst mich doch bitte nicht ganz im Stich bei der Challenge! Noch ist sie zu bewältigen und auch wenn nicht, wäre es schön, wenn alle zumindest noch ein paar Bücher lesen. Bei den Literaturnobelpreisträgern gibt es ja so eine große Bandbreite an unterschiedlichen Büchern und Genres, dass eigentlich für alle was dabei sein sollte. Und ja, ich weiß, mit meinem einen Buch darf ich nicht großartig reden. Immerhin bin ich inzwischen mit "Lord of the Flies" etwa halb durch.

Übrigens verspreche ich hoch und heilig, dass spätestens im Juli die Geschenke für die Vorjahres-Challenge verschickt werden! Inzwischen ist mir das wirklich peinlich, aber in den letzten Monaten habe ich nie größere Knüpfprojekte geschafft, weil mir ständig kleinere Handarbeiten für bestimmte Anlässe dazwischen gekommen sind.

Hier nochmal der Überblick über die bisher gelesenen Bücher:


Neyasha (ich)
1. Toni Morrison - Gnade

Sam (cat)

Pihia

Ariana
1. William Faulkner - The Sound and the Fury

BücherFähe 

Dienstag, 9. Juni 2015

Buchstabengeplauder #32

Während rundherum die meisten das schöne Sommerwetter des vergangenen Wochenendes genossen haben, war ich dermaßen mit Diensten eingedeckt (ich bin von Freitag bis Sonntag jeweils erst um 1:30 in der Nacht heimgekommen), dass ich nicht sehr viel von der Sonne mitbekommen habe. Und aus dem Grund war es hier auf dem Blog auch sehr ruhig und ich hatte kaum Zeit, um eure Beiträge zu lesen.
Immerhin hatte ich aber einige Zeit zum Lesen, da ein paar meiner Dienste mal wieder fast reine "Anwesenheitsdienste" waren. So habe ich The No. 1 Ladies' Detective Agency und Das letzte Polaroid gelesen und mit Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki sowie What Makes This Book So Great begonnen.

Außerdem ist gestern ein ... hm ... neuer "Mitbewohner" bei mir eingezogen - ich stelle euch Sir Wilfred vor. *g*


Das dürfte wohl das älteste Fahrrad sein, auf dem ich jemals gefahren bin und es hat auch schon so einige Macken, aber immerhin: es fährt. :-) Auf dem Foto sieht Sir Wilfred übrigens noch etwas frischer aus als in Wirklichkeit, wo er seine Kratzer, Rostflecken und andere Problemstellen nicht mehr leugnen kann.

Und noch etwas kann ich euch zeigen und zwar ein paar aktuelle Fotos von meinen Balkonpflanzen. Zuletzt habe ich euch vor knapp einem Monat Fotos gezeigt, als gerade alles zu wachsen und blühen begonnen hat. Seither hat sich einiges getan. Vor allem meine Minze, die Zitronenmelisse und der Oregano sind gewachsen, als ob es kein Morgen mehr gäbe und dasselbe gilt für meine Pelargonien und die Schwarzäugige Susanne:

Zu dem Zeitpunkt hatte ich sogar schon einen Teil der Minze
und der Melisse für Sirup geerntet.
Noch schöner sehen die Blumen von der anderen Seite aus,
aber so bekomm ich sie ja leider nie zu sehen (das Foto ist
entstanden, indem ich einfach die Kamera über die Brüstung
gehalten und abgedrückt habe)
Auch zu ernten gab es schon ein bisschen etwas - vor allem Erdbeeren habe ich inzwischen schon so einige genascht.


Bei den Koniferen hat nun endlich das dazwischen ausgestreute Steinkraut zu wachsen und zu blühen begonnen und auch mein Experiment Kartoffeln im Sack sieht bislang ganz vielversprechend aus:


Ein paar Sorgenkinder gabs/gibts allerdings auch schon. So hatte ich bei meinem Pflücksalat einen leichten Blattlaus-Befall, den ich aber rasch in den Griff bekommen habe, indem ich die Blätter mit dem Kochwasser von Kartoffeln besprüht habe (über den Tipp bin ich irgendwo im Internet gestolpert). 
Mehr Sorgen macht mir der leichte Mehltau-Befall meiner zweiten Zucchinipflanze (dem ich mit Schachtelhalmsaft zu Leibe rücke), und die Blumenmischung, die ich noch in zwei Balkonkästen habe, sieht gar nicht gut aus. Offensichtlich ist es denen zu heiß (auf dem Balkongeländer sind sie von mittags bis zum Abend in der prallen Sonne). Ich glaube fast, dass ich die nicht mehr retten kann. Vielleicht sollte ich dort dann auch Pelargonien pflanzen, denn die scheinen ja mit Sonne und Wind problemlos klarzukommen.

Alles in allem bin ich doch sehr zufrieden - dafür, dass ich eigentlich keinen grünen Daumen habe. Wenn man jahrelang in der Stadt ohne Grün rundherum gewohnt hat und nun Erdbeeren vom Balkon naschen, regelmäßig frischen Salat pflücken und Minze-Melissen-Sirup aus den eigenen Kräutern herstellen kann, ist das schon sehr nett.
Auf der Donauinsel habe ich übrigens vor einer Weile auch noch Holunderblüten gepflückt und zu Sirup, Apfel-Holunder-Gelee und Holunderessig verarbeitet. Manchmal komm ich mir schon vor wie so ein altes Großmütterchen ... ;-)

Ich hoffe, ich habe euch nicht gelangweilt mit meinen Pflänzchen. Falls ja, sagt Bescheid, dann fass ich mich beim nächsten Update (vermutlich irgendwann im Hochsommer) kürzer.
Und die nächsten Tage gehts dann auch wieder mehr um Bücher - versprochen!

Donnerstag, 4. Juni 2015

Patrick Rothfuss - Die Furcht des Weisen 2

Genre: High Fantasy
Dauer: 16 Stunden 56 Minuten (ungekürzte Lesung)
gelesen von: Stefan Kaminski
Verlag: der Hörverlag
ISBN: 978-3844508055
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternchen

Hörbuch-Challenge


Kvothes Abenteuer führen ihn vom Feenreich, wo er sich nur schwer wieder von der verführerischen Felurian losreißen kann, nach Ademre, wo er von den stillen Kriegern im Schwertkampf unterrichtet wird. Beinahe hat es den Anschein, dass es das Leben nun einmal richtig gut mit ihm meint, aber eine verhängnisvolle Begegnung stellt ihn vor neue Probleme. Und auch im Gasthaus am Wegstein, wo er dem Chronisten seine Lebensgeschichte erzählt, sieht er sich unerwarteten Schwierigkeiten gegenüber.
 
Interessant, wie ein bisschen Abstand manchmal den Blick auf ein Buch verändert. So habe ich mittlerweile das Gefühl, dass ich mit dem 1. Teil von "Die Furcht des Weisen" beinahe zu hart ins Gericht gegangen bin. Dabei leidet auch der 2. Teil dieses Bandes an den üblichen Schwächen und mich hat an Kvothes Zeit im Feenreich und in Ademre einiges gestört (dazu später mehr).
 
Mir ist aber auch wieder bewusst geworden, dass "Die Furcht des Weisen" trotz all dieser Schwächen ein unglaubliches Lesevergnügen zu bieten hat. Das liegt vor allem an den vielen kleinen Hinweisen, die einen rätseln lassen und auch zu ersten Aha-Momenten führen. Noch immer gibt es viele offene Fragen (etwa, was es mit Kvothes verändertem Namen in der Gegenwart auf sich hat und wer zum Geier eigentlich Denna ist), aber man bekommt auch eine Reihe von Hinweisen, die schon auf gewisse Lösungsansätze hindeuten.
Es macht nicht nur Spaß, über diese Hinweise nachzudenken und sich daraus kleine Theorien zu basteln, sondern es hat auch den Anschein, dass Rothfuss trotz aller Nebenhandlungen seinen eigentlichen Plot fest im Griff hat. Natürlich kann ich dazu noch nichts sagen, solange der letzte Band erschienen ist, aber ich habe derzeit wirklich das vollste Vertrauen, dass Rothfuss alle Rätsel im 3. Band zufriedenstellend auflösen wird - und das ist viel mehr, als ich von einigen anderen Buchserien behaupten könnte.
 
Nichtsdestotrotz haben mich ein paar Dinge genervt, wie etwa die Tatsache, dass Kvothe nun also mit Felurian die beste aller Lehrmeisterinnen in Liebesdingen und mit den Adem die besten aller Lehrmeister in der Kampfkunst bekommt. Müssen denn immer diese Superlative sein?
Der Grund, weshalb ich das Rothfuss doch verzeihe, ist die Rahmenhandlung: Hier erlebt man Kvothe ganz unten, offensichtlich all seiner Fähigkeiten beraubt. Es kommt also gewissermaßen das Prinzip der griechischen Tragödie von der Fallhöhe zum Tragen. Bei Kvothe ist es dabei nicht der hohe Stand, aus dem er kommt, sondern seine Fähigkeiten, die ihn ganz nach oben tragen - und dann offensichtlich ganz nach unten fallen lassen. Natürlich beginnt man zu spekulieren, wie es überhaupt soweit kommen konnte, wie so eine Überflieger auf einmal dermaßen am Boden der Tatsachen landen konnte.
Meine Vermutung lautet, dass es etwas mit seinem "verstümmelten" Namen zu tun hat, aber hier kommen wir wieder zu den angesprochenen Rätseln und Spekulationen. Was es damit tatsächlich auf sich hat, werden wir erst in "Doors of Stone" erfahren.
 
Und auf diese freue ich mich sehr - allen Schwächen und Fehlern, die mich bei dieser Trilogie manchmal zum Haareraufen bringen, zum Trotz.
Ich bin auch weiterhin der Meinung, dass Rothfuss von seinen herausragenden sprachlichen Fähigkeiten mal abgesehen noch so einige handwerkliche Defizite hat. Dennoch würde ich seine "Kingkiller Chronicles" bisher als eine gute und empfehlenswerte Trilogie bezeichnen. Es bleibt zwar noch viel Luft nach oben, aber ich hoffe, dass es im 3. Band doch noch zu einer deutlichen Steigerung kommt.

Mittwoch, 3. Juni 2015

Matthew Goodman - In 72 Tagen um die Welt


Genre: Sachbuch
Seiten: 721
Verlag: btb Verlag
ISBN: 978-3442753994
Meine Bewertung: 5 von 5 Sternchen

Sachbuch-Challenge


In 80 Tagen um die Welt - was Vernes Held Phileas Fogg geschafft hat, ist in der Realität noch niemandem gelungen, als sich im November 1889 die Enthüllungsjournalistin Nellie Bly aufmacht, um diesen Rekord zu schlagen. Noch am selben Tag macht sich mit Elizabeth Bisland eine weitere Reporterin in die entgegengesetzte Richtung auf den Weg. Und so beginnt ein Wettlauf zwischen zwei Frauen, den nicht nur die Presse, sondern ganz Amerika begeistert verfolgt.

Matthew Goodman schildert in diesem "erzählten Sachbuch" nicht nur die Reise, sondern auch das Leben zweier Frauen, die viele Gemeinsamkeiten aufweisen und doch unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite steht Nellie Bly, die aus ärmlichen Verhältnissen stammte und sich als Reporterin nach oben arbeitete, bis sie schließlich für die "New York World" Enthüllungsreportagen schrieb, etwa von den Zuständen in einem Irrenhaus. Die Idee von einer Reise um die Erde hatte sie schon vor längerem Joseph Pulitzer vorgeschlagen, der sie schließlich aufgriff, um den sinkenden Verkaufszahlen der World etwas entgegenzusetzen.
Elizabeth Bisland hingegen stammte aus einer angesehenen Südstaaten-Familie, die durch den Krieg verarmt war, und veröffentlichte zunächst Gedichte und Artikel bei kleineren Zeitungen, ehe sie bei der "Cosmopolitan", damals eine Familienzeitschrift, als Literaturkritikerin angestellt wurde. Sie galt als gefeierte Schönheit und lud in ihrer Wohnung regelmäßig zu einem literarischen Salon ein. Als John Brisbane Walker, der Herausgeber der Cosmopolitan, ihr eröffnete, sie sollte noch am selben Abend eine Reise um die Welt antreten, war sie nicht gerade begeistert. Dabei war es nicht nur die Reise selbst, die sie abschreckte, sondern auch die damit verbundene Aufmerksamkeit. Aber ihr wurde keine Wahl gelassen und so stieg sie nur wenige Stunden später in den Zug.

Beide Frauen mussten sich also aus ärmlichen Verhältnissen hocharbeiten und schafften es, sich in einer Männerwelt gegen alle möglichen Widerstände durchzusetzen. Doch während Nellie Bly sich durch wagemutige Aktionen, bei denen sie sich inkognito einschleuste, einen Namen machte, war Elizabeth Bisland im literarischen Bereich unterwegs und verabscheute einen zu großen Rummel um ihre Person. Und während die Reise um die Welt Blys langgehegter Wunsch war, machte Bisland sich nur sehr widerwillig und zudem gänzlich unvorbereitet auf den Weg.
Goodman gelingt es sehr gut, die unterschiedlichen Persönlichkeiten der beiden Frauen herauszuarbeiten und die Schilderung ihres Lebens schafft eine gute Grundlage für das eigentliche Herzstück des Buches - die Reise. Der Autor geht hier immer abwechselnd auf ihre Etappen ein und streut auch alle möglichen Informationen zu den Reisemöglichkeiten der damaligen Zeit ein. 

Es ist faszinierend, wie unterschiedlich die beiden Reporterinnen sich auch während der Reise verhalten. Obwohl Bisland mit Schwierigkeiten am Anfang und Ende der Reise zu kämpfen hat, hat man das Gefühl, dass sie sie ansonsten durchaus genießt: Sie nutzt jede Pause zu Besichtigungen, interessiert sich für die fremden Kulturen und ist ganz begeistert von Asien (wohin sie auch später noch einmal zurückkehrte).
Bly dagegen ist so sehr darauf konzentriert, ihre Reise schnell voranzutreiben, dass sie sozusagen kaum noch nach links und rechts schaut. Ich hatte auch das Gefühl, dass sie unterwegs alles eher negativ und verächtlich kommentiert und am Ende vor allem den Eindruck mit zurück nach New York bringt, dass in Amerika alles besser ist.
Von beiden werden die Wege sehr fesselnd geschildert, wobei die Konzentration eher auf Nellie Bly liegt. Die Abstecher, die Goodman zu verwandten Themen wie dem Eisenbahnbau, chinesischen Einwanderern und der schwierigen Arbeit der Heizer auf einem Hochseedampfer macht, fand ich sehr interessant. Man erfährt auch einiges zum Zeitungswesen der damaligen Zeit und zu den kleinen Kniffen, die die New York World anwendet, um das Interesse der Leser an dem Wettlauf noch zu erhöhen.

Was Nellie Bly schließlich zurück in Amerika erwartete, war ein beispielloser Rummel - sie war gewissermaßen zu einem Superstar geworden und zehrte auch noch eine Weile an dem Ruhm, etwa bei Vortragsreisen oder den Verkauf von "Marketing"-Artikeln. Elizabeth Bisland hingegen, die erst einige Tage später in New York ankam, fand kaum Beachtung, was ihr selbst wohl entgegenkam. Sie nahm auch bald wieder die schreiberischen Tätigkeiten auf und ihre Reise geriet schnell in Vergessenheit, während Nellie Bly bis in die heutige Zeit dafür bekannt blieb.

Matthew Goodman hat hier ein hervorragend recherchiertes und flüssig zu lesendes Sachbuch geschrieben, das trotz seiner stattlichen Länge sehr kurzweilig zu lesen ist. Es ist sogar eher erstaunlich, was er auf den gut 700 Seiten (inklusive Quellenangaben) alles unterbringt: die Biographie zweier Reporterinnen, zwei ereignisreiche Reisen und dazu noch allerlei Informationen zum Hintergrund der damaligen Zeit. Von mir aus hätte das Buch auch noch länger sein dürfen, da ich über einige Themen auch gern noch mehr erfahren hätte. Aber es ist klar, dass der Autor auch irgendwo einen Schlussstrich ziehen musste, um nicht den Fokus auf das Hauptthema aus den Augen zu verlieren. Und es ist ja auch schön, wenn man ein Buch mit dem Gedanken zuklappt, dass man sich nun über einiges gern noch weiter informieren möchte.

"In 72 Tagen um die Welt" ist ein wirklich empfehlenswertes Buch, das sich flott liest und einem zwei sehr interessante Persönlichkeiten nahebringt, die beide eine schwierige Reise bravourös gemeistert haben, auch wenn es am Ende nur eine "Siegerin" gab.
Ich bin sehr froh, dass ich durch Hermia auf dieses tolle Sachbuch aufmerksam wurde, das zu meinen bisherigen Jahreshighlights gehört.