Sonntag, 28. Dezember 2014

Bärbel Arenz, Gisela Lipsky - Mit Kompass und Korsett. Reisende Entdeckerinnen


Genre: Sachbuch
Seiten: 176
Verlag: ars vivendi
ISBN: 978-3897164185
Meine Bewertung: 3,5 von 5 Sternchen

Sachbuch-Challenge


Die beiden Autorinnen stellen in diesem Buch 16 weitgereiste Frauen aus dem 18. bis frühen 20. Jahrhundert vor, die aus unterschiedlichsten Gründen in die Ferne aufgebrochen sind. Es sind sehr faszinierende Frauen, die hier porträtiert werden und die sich meist über zahlreiche Konventionen hinwegsetzten. 
Von den wenigstens hatte ich zuvor jemals gehört, aber nun sind so einige von ihnen verfasste Reiseberichte auf meinem Wunschzettel gelandet.

Da wäre etwa die abenteuerlustige Wienerin Ida Pfeiffer, die als erste weiße Frau zu den Kopfjägern auf Borneo reist und dessen Gastfreundschaft preist, oder Amelia Edwards, die sich leidenschaftlich für den Erhalt archäologischer Altertümer in Ägypten engagiert; die britische Krankenschwester Kate Marsden, die Leprakranke in Sibirien behandelt und dafür in ihrer Heimat allerortens nur Kritik erntet und Isabelle Eberhardt, die ein freies, unkonventionelles Leben führen möchte und von tiefster Einsamkeit getrieben durch Nordafrika reist. 
Die Porträts sind zwar recht kurz, zeichnen aber doch anschauliche Bilder der so unterschiedlichen Frauen. Viele von ihnen wirken erstaunlich modern und äußern trotz zeitbedingter Vorurteile schärfste Kritik am Kolonialismus und Sklavenhandel. So etwa die Niederländerin Alexandrine Tinné, die auf ihren Reisen zahlreiche Menschen aus der Sklaverei freikauft.

Das Buch ist genau das richtige für alle Fernsüchtigen, auch wenn man manche Reisen wohl nicht unbedingt nachmachen möchte, so beschwerlich und strapaziös klingen diese. Umso mehr sind die Frauen zu bewundern, die alle Strapazen und Gefahren bewältigen, oft gegen den Widerstand von Männern oder der ganzen Gesellschaft.

Doch obwohl sich das Buch schön lesen lässt und von sehr faszinierenden Persönlichkeiten erzählt, war ich von der Aufmachung des Sachbuches nur mäßig begeistert. Auf der jeweils ersten Doppelseite findet sich stets ein kleines Porträt der jeweiligen Frau sowie eine Überblickskarte, auf der die (meisten) bereisten Orte eingezeichnet sind.

Soweit ist das alles noch schön gestaltet, aber was die weiteren Abbildungen in dem Buch betrifft, sind diese eine große Enttäuschung: Obwohl viele der Frauen Zeichnungen oder Fotografien auf den Reisen angefertigt haben, gibt es in dem Buch lediglich moderne, nichtssagende Fotos, wie man sie auch in jedem beliebigen Reiseführer finden würde:

Das fand ich wirklich enttäuschend, da ich mir gewünscht hätte, dass darin Abbildungen aus der jeweiligen Zeit zu finden sein würden. In den jeweiligen Wikipedia-Einträgen gibt es dagegen fast immer wunderschöne Abbildungen von den Frauen auf ihren Reisen - genau so etwas hätte ich mir in dem Buch gewünscht.
Und ganz ehrlich: Viel ausführlicher als die Wikipedia-Artikel sind die Biografien in dem Buch auch nicht, am ehesten können sie noch durch die zahlreichen Zitate aus den Reiseberichten der porträtierten Frauen punkten.

Alles in allem also ein interessantes Buch, das aber leider nicht sehr in die Tiefe geht und nur dürftig ausgestattet ist. Ich hatte es glücklicherweise nur aus der Bücherei ausgeliehen, denn der stolze Preis ist in diesem Fall wirklich nicht gerechtfertigt.

Samstag, 27. Dezember 2014

Lynes Bloggeburtstag und ein paar abschweifende Gedanken

Lyne's Books wird am 31.12.2014 bereits 2 Jahre alt (mein Gott die Zeit vergeht) und zu diesem Anlass gibt es von Lyne ein Gewinnspiel.


Zu gewinnen gibt es zweimal ein Wunschbuch - die genauen Teilnahmebedingungen könnt ihr bei ihr auf dem Blog nachlesen.

Ihre Gewinnspielfrage, auf welches Buch wir uns 2015 freuen, hat mich übrigens in ärgste Bedrängnis gebracht und heute Abend zu einer ausgedehnten Recherchierorgie geführt, die mich auch nicht weitergebracht hat.
Das ist doch irgendwie seltsam, oder? Ich habe das Gefühl, dass fast alle Bücherfans solche Fragen sofort beantworten können bzw. eher noch das Problem haben, sich für ein Buch entscheiden zu müssen.
Aber ich verfolge nur in seltenen Fällen Buchankündigungen mit, am ehesten noch, wenn es sich um die Fortsetzung einer Serie handelt. Derzeit warte ich da aber nur auf Martins The Winds of Winter sehnsüchtig - und es sieht nicht so aus als würde der Roman im nächsten Jahr erscheinen.
Hm, tja. Nun habe ich mich also ein wenig durch Verlagsvorschauen gewühlt, aber ehrlich gesagt fühle ich mich da von der schieren Menge an Neuerscheinungen meist erschlagen.
Abgesehen davon gibt es soviel, das ich noch lesen möchte, dass ich meist mehr darauf konzentriert bin, was bis jetzt erschienen ist und weniger darauf, was erst noch kommen wird ...
Ich werde tatsächlich fast immer erst auf Bücher aufmerksam, wenn sie erst einmal erschienen sind und vielleicht auch schon ein paarmal rezensiert wurden. Natürlich gibt es eine Reihe von Autoren, bei denen ich mich immer über neue Bücher freue, aber so wie es aussieht, werden von meinen üblichen Verdächtigen (Guy Gavriel Kay, Christoph Ransmayr, Juli Zeh, Peter S. Beagle, Patricia McKillip) im Jahr 2015 keine neuen Romane erscheinen.

Bin ich eigentlich die einzige Buchbloggerin, die Neuerscheinungen so gänzlich ignoriert? Wie geht es euch in der Hinsicht? Hibbelt ihr schon zahlreichen Büchern entgegen?

Letztendlich habe ich mich übrigens für Birthes Wer steht schon auf Pferde? entschieden. Da ich das Buch als Testleserin schon kennengelernt habe, muss ich zugeben, dass mich die Neugierde nicht direkt auffrisst, aber ich freue mich einfach sehr, dass ihre sympathische und auch sehr originelle Pferdeserie ein Plätzchen gefunden hat!

Freitag, 26. Dezember 2014

Verspätete Weihnachtsgrüße und Selbstgemachtes

Ein bisschen verspätet (aber immerhin ist gerade noch der zweite Weihnachtsfeiertag) wünsche ich euch allen noch frohe Weihnachten und hoffe, ihr hattet ein schönes Fest im Kreis eurer Familie/Freunde/Bücher (wie auch immer ihr halt gern Weihnachten feiert).
Bei mir waren die Feiertage zwar mit Diensten gefüllt, aber immerhin konnte ich gestern noch mit meiner Familie frühstücken und auch den Heiligen Abend habe ich bei meiner Familie verbracht.

Wie ihr ja hier mitbekommen habt, hatte ich in der Zeit vor Weihnachten ein bisschen Stress mit diversen selbstgemachten Geschenken. Und da einige von euch den Wunsch geäußert haben, dass sie diese gern sehen würden, gibt es also nun ein paar Fotos (nur die kulinarischen Geschenke - Schokolikör und eingelegten Fetakäse - habe ich nicht abfotografiert):

Für meine Freundinnen gab es neben dem erwähnten Schokolikör selbstgemachte Kosmetik.

Ein geknüpftes Lesezeichen für meine Nichte. Ich habe genau dieses Muster in dieser Farbkombi schon einmal geknüpft, aber da ich es so mochte und es meiner Nichte auch so gefiel, habe ich es nochmal geknüpft.

Meiner jüngeren Nichte habe ich wieder Kleidung für ihre Monster High Puppen gehäkelt: Eine Jacke, ein Schal und eine Mütze - letztere mit Aussparungen für die Katzenohren einer ihrer Lieblingspuppen. Puh, ich sags euch, diese Jacke war echt eine Fitzelei ...

Ein Wichtelgeschenk: ein gehäkelter römischer Offizier. ;-)

Noch ein Wichtelgeschenk: ein geknüpftes Armbändchen

Gehäkelte Babyschühchen für eine schwangere Freundin.

Und zu guter Letzt das "Highlight": ein gehäkeltes Schaf für meinen Neffen. Daran bin ich noch am 23. spätabends gesessen, aber es hat sich gelohnt, da mein Neffe völlig hin und weg war und es laut meiner Mutter gestern die ganze Zeit stolz in der gesamten Familie hergezeigt hat. :-)
(Das Foto im sonnig-grünen Gras ist übrigens zu Weihnachten entstanden - von "Leise rieselt der Schnee" konnte dieses Jahr mal wieder keine Rede sein ...)

Und nun habe ich die nächsten vier Tage frei, worauf ich mich schon sehr freue. Da wäre also genug Zeit zum Bloggen, aber ich möchte gar nichts versprechen, da ich mich mal auf ein paar Tage gänzlich ohne Verpflichtungen freue. Zuletzt hatte ich, glaube ich, im Juli so lange dienstfrei. Ich werde es mir also vermutlich mit Büchern auf dem Sofa bequem machen, je nach Wetter vielleicht mal einen kleinen Streifzug einlegen oder auch mal die eine oder andere DVD gucken.

Sonntag, 21. Dezember 2014

Buchstabengeplauder #22

So, ich werde hier nun mal ein wenig Weihnachtsstimmung verbreiten. Dieses Jahr habe ich mir nämlich - zum Feier der neuen Wohnung - erstmals einen kleinen Christbaum gegönnt. Da ich keine Zeit mehr hatte, Schmuck zu basteln, kam drauf, was ich noch so hatte: eine kleine Girlande mit Strohsternen, ein paar wenige Kugeln, getrocknete Orangenscheiben und schließlich Sterne, die ich auf die Schnelle noch aus leeren Klopapierrollen gebastelt und zusammengeklammert habe.
Da gestern bei mir die Weihnachtsfeier mit meiner Schreibgruppe war, habe ich das Bäumchen auch schon etwas verfrüht aufgestellt und geschmückt, sodass wir die Bescherung unterm Baum machen konnten. :-)


Es war gestern eine total schöne Feier, die mir auch endlich mal zu Weihnachtsstimmung verholfen hat. So ganz konnte ich die aber noch nicht über die nächsten Tage mitnehmen, da ich heute einen wirklich scheußlich stressigen Dienst hatte und morgen auch noch ziemlich viel zu erledigen ist. Am Abend werde ich morgen dann aber zu meiner Familie fahren. Bis dahin muss ich noch eifrig häkeln, da die Geschenke noch nicht alle fertig sind ...

Apropos Geschenke: Da ich diese Woche schon am Dienstag mit Freundinnen Weihnachten gefeiert habe und gestern dann eben eine weitere Feier anstand, gabs schon einige Geschenke. Sie sind zwar großteils nicht buchig, aber es sind so schöne Geschenke, das ich sie euch einfach mal zeigen muss:

Von Lyne habe ich eine Mini-Playmobilfarm bekommen. Damit hat meine Mini-Arche Noah nun Gesellschaft. Sind die kleinen Tierchen nicht putzig?

Außerdem wurde ich mit einem schönen Tuch und selbstgehäkelten Socken beschenkt - diesen Winter muss ich also nicht mehr frieren.

Ebenfalls selbstgemacht sind diese Öle (einmal Chili-Knoblauch, einmal Zitrone-Pfeffer), die toll duften und bei mir sicher bald in der Küche zum Einsatz kommen.

Weiters gab es noch ein glitzernd-funkelndes Notizbuch mit Seiten aus handgeschöpftem Papier.


Und schließlich habe ich noch ein Bastelbuch zum "Sommernachtstraum" bekommen, aus dem man sich eine Bühne mit verschiedenen Kulissen und allen handelnden Charakteren ausschneiden kann. Sobald ich mir meine kleine Shakespeare-Bühne gebastelt habe, werde ich sie euch natürlich zeigen. :-)

Ich habe mich sehr über die Geschenke gefreut, weil das alles so schöne, originelle und individuelle Sachen sind. Da merkt man einfach, dass Herzblut drinnensteckt.
Mein ganzes Gebastel, das ich verschenkt habe, werde ich euch dann auch noch zeigen, wenn es endlich alles fertig ist.
Nun werde ich mich mal wieder mit meinem Häkelzeug aufs Sofa setzen und dabei an Aquarius weiterhorchen. Ein spannendes Hörbuch übrigens, das mich aber bislang noch nicht so ganz überzeugen konnte.
Auch mein aktuelles ebook The Girl with Glass Feet kann mich bisher nicht wirklich begeistern. Ich bin mir nicht sicher, ob mich das Englisch darin ein wenig überfordert oder ob das Problem einfach ist, dass ich derzeit immer nur ab und zu mal ein paar Seiten schaffe, aber ich komme überhaupt nicht rein und kann mit der Geschichte nicht wirklich was anfangen. Nun bin ich etwas unschlüssig, ob ich es mal unterbreche oder ob ich mir vielleicht die deutsche Übersetzung aus der Onleihe ausborge (da muss ich aber noch ein wenig drauf warten). Zumindest über die Weihnachtsfeiertage werde ich vielleicht aber erst mal ein anderes Buch dazwischenschieben.

Donnerstag, 18. Dezember 2014

[Challenge] Arianas Hörbuch-Challenge

http://meinbuechertagebuch.wordpress.com/challenges/arianas-horbuch-challenge-2015/

Schon im Jahr 2014 hat Ariana eine Hörbuch-Challenge veranstaltet, aber da habe ich diese irgendwie verpasst. Bei der Neuauflage bin ich nun dabei, da ich ohnehin ein großer Hörbuchfan bin.
Es geht darum, 10 Hörbücher im Jahr 2015 zu hören und zu rezensieren. Dabei zählen nicht nur Hörbücher, sondern auch Hörspiele, solange diese auf einem Buch basieren. Ein Einstieg ist zwar jederzeit möglich, aber dann zählen nur die Hörbücher, die ab dem Zeitpunkt der Anmeldung gehört werden.
Die genauen Regeln könnt ihr bei Ariana nachlesen - und bei ihr könnt ihr euch auch mittels Kommentar und Link zu eurer Challenge-Überblicksseite anmelden.


Meine Hörbücher 2015
1. Hugh Howey - Level
2. Patrick Rothfuss - Die Furcht des Weisen 1
3. Patrick Rothfuss - Die Furcht des Weisen 2
4. William Golding - Lord of the Flies
5. Alfred Lansing - 635 Tage im Eis: Die Shackleton-Expedition
6. Eric Berg - Das Nebelhaus
7. Rob Thomas, Jennifer Graham - The Thousand Dollar Tan Line
8. Yrsa Sigurðardóttir - Das letzte Ritual
9. John Steinbeck - Die Straße der Ölsardinen
10. Yrsa Sigurðardóttir - Das gefrorene Licht
11. Eowyn Ivey - Das Schneemädchen

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Patrick Rothfuss - Der Name des Windes


Genre: High Fantasy
Dauer: 28 Stunden 8 Minuten (ungekürzte Lesung)
gelesen von: Stefan Kaminski
Verlag: der Hörverlag
EAN: 9783867173575
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternchen



Als ein reisender Chronist in einer Herberge unvermutet auf den einst berühmten und nun zurückgezogen lebenden Magier Kvothe stößt, beginnt ihm dieser seine Lebensgeschichte zu erzählen: Von seiner Kindheit bei fahrenden Spielleuten, seiner Jugendzeit in der Hafenstadt Tarbean und seinen ersten Jahren in der Universität. Während Kvothe sich durchs Leben schlägt, die Laute spielt, Magie erlernt und so einige Abenteuer erlebt, ist es aber vor allem eins, das ihn antreibt: die Suche nach den unheimlichen Chandrian, die einst für ein jähes Ende seiner Kindheit sorgten. 

Ich habe diesen Roman vor Jahren bereits einmal gelesen und wollte ihn nun in meinem Gedächtnis auffrischen, um endlich mit dem Folgeband beginnen zu können. Allerdings hat mir dieses Mal der Roman nicht mehr ganz so gut gefallen wie damals, was ich vor allem auf zwei Gründe zurückführe: zum Einen bin ich im Laufe der Zeit eine kritischere Leserin geworden; zum Anderen wusste ich inzwischen bereits, dass es auf die größten Fragen, die in dem Buch aufgeworfen werden, noch keine Antwort geben wird. Aber eins nach dem anderen:

"Der Name des Windes" hat eine auktorial erzählte Rahmenhandlung, die von Kvothe und seinem Schüler Bast in der Gegenwart berichtet, und eine Erzählung in der Erzählung, in der Kvothe aus der Ich-Perspektive sein Leben schildert.
Die Rahmenhandlung finde ich wunderbar. Rothfuss setzt die auktoriale Perspektive meisterhaft um und obwohl um Kvothe vielleicht ein bisschen sehr viel Wind gemacht wird, können mich doch das Geheimnis und die düstere Tragik, die ihn umgibt, ködern.
Dann aber setzt die Ich-Erzählung ein und auch beim zweiten Mal hatte ich Probleme damit, mich auf sie einzulassen. Ich finde einfach die Rahmenhandlung viel interessanter als die Kindheit eines naseweisen Genies und Kvothe als gebrochenen Erwachsenen deutlich faszinierender. Als Kind ist er dagegen nahezu unerträglich, was daran liegt, dass er einfach in allem toll ist und das auch noch selbst weiß.
Das bessert sich zwar im Laufe des Romans nicht sehr, aber er wurde mir dann doch im Laufe der Zeit sympathischer und seine ständige Brillanz erfährt zumindest von außen immer wieder Dämpfer.

Kaum hatte mich Kvothe aber mit dem ersten Auftreten der Chandrian und den immer wieder eingestreuten Geschichten in Tarbean geködert, kam für mich mit dem Eintritt in die Universität der nächste Dämpfer.
Patrick Rothfuss beschreibt die Universität, den Unterricht dort und das ganze Rundherum wirklich schön, aber dieses kindische Getue mit einem Schüler, der Kvothe ständig eins reinwürgen will und einem Lehrer, der in dieselbe Bresche schlägt, hat mich unendlich genervt. Das fand ich schon in Harry Potter unerträglich, aber gut, in ein Kinderbuch hat das noch annährend gepasst. In "Der Name des Windes" dagegen ist das für mich die Bestätigung dessen, dass ich mich sonst aus guten Gründen von solchen Geschichten fernhalte.
Außerdem kommt mir das plottechnisch erbärmlich vor: Hat Rothfuss wirklich keine interessanteren Hindernisse für Kvothe gefunden als der ständige Geldmangel und das pubertäre Gerangel mit dem dümmlichen Ambrose?

Und doch bin ich Kvothe erneut bereitwillig über hunderte von Seiten gefolgt und mochte den Roman trotz all der Kritikpunkte sehr gern. Das liegt vor allem an dem Erzählstil von Rothfuss. Vernünftige Plotstrukturen sind zwar offenbar nicht seine Stärke, aber er ist dennoch ein begnadeter Schriftsteller! Er hat so einen unglaublichen Blick für kleine Details und für Beschreibungen und - auch wenn Tausendsassa Kvothe das zunächst nicht vermuten lässt - ein Händchen für interessante Figuren. Nicht alle weisen eine echte Charaktertiefe auf (Meister Hemme etwa ist einfach nur der "böse Lehrer"), aber die meisten sind wirklich gut gelungen, allen voran Elodin und Auri, auch Kvothes sympathische Freunde und ... ja ... Denna. Zwar finde ich Kvothes große Liebe ziemlich anstrengend, aber Rothfuss hat mit ihr doch eine sehr runde Figur erschaffen, mit Stärken und Schwächen und einer nachvollziehbaren Persönlichkeit.
Auch die Welt, die Rothfuss hier erschaffen hat, gefällt mir sehr gut. Sie ist, was für High Fantasy ungewöhnlich ist, einmal nicht mittelalterlich, auch wenn es zunächst ein bisschen so wirkt, sondern erinnert eher an die Renaissance oder noch spätere Epochen. Es mag zwar nicht die originellste Welt sein, aber sie steckt voller Details und voller Leben und hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten, die gut funktionieren, vor allem was die Magie betrifft.

Was mich aber schließlich an dem Roman am meisten begeistert, das sind die schon erwähnten geheimnisvollen Chandrian. Nicht einmal diese Dämonen selbst, aber die Art und Weise, wie sie in den Roman eingewoben werden und wie man in alten Geschichten, die erzählt werden, immer wieder Hinweise auf sie findet.
Ich würde mir wirklich wünschen, dass sie im nächsten Band eine größere Rolle spielen und dass Kvothe auch endlich mehr über sie herausfindet.

Trotz einiger Schwächen halte ich "Der Name des Windes" noch immer für einen der besten Fantasyromane der letzten Jahre, der aber leider bei einem Reread nicht so sehr dazugewinnt.

Das ungekürzte, von Stefan Kaminski gelesene Hörbuch ist übrigens sehr zu empfehlen. Er ist ja einer meiner Lieblingssprecher und kann auch in diesem Roman wieder allen Figuren Leben einhauchen.
Als Abschluss noch eine kleine Bemerkung am Rande: Ich habe mich dieses Mal ziemlich über die Doctor Who-Anspielung amüsiert, die mir beim ersten Mal noch entgangen ist. ;-)

Sonntag, 14. Dezember 2014

Buchstabengeplauder #21

Wie schaffe ich es eigentlich jedes Jahr, dass ich in der Adventszeit einen solchen Stress bekomme? Vielleicht hätte ich mir diesmal, da ich dienstmäßig ohnehin sehr eingespannt bin, nicht so viel Keksbackerei und selbstgemachte Geschenke vornehmen sollen. Aber andererseits gehört Keksbacken für mich zu Weihnachten dazu und ich schenke nun mal lieber Selbstgemachtes her.
Immerhin habe ich nun aber schon viel geschafft und hoffe, dass es in der nächsten Woche doch noch ein wenig ruhiger wird.

Nun ja, auf jeden Fall ist schlichter Zeitmangel der Grund dafür, dass ich derzeit so wenig blogge - na gut, Zeitmangel und die Tatsache, dass ich bei Feierabend irgendwann nach 22 Uhr lieber noch gemütlich eine Folge Doctor Who gucke anstatt Rezensionen zu schreiben. *hüstel* Derzeit bin ich übrigens bei Staffel 4 und liebe Donna! 

Zum Lesen komme ich derzeit leider auch nicht sehr viel, daher ruht Ivo Andrics Der Elefant des Wesirs gerade. Für immer mal nur ein paar Seiten zwischendurch in den Öffis ist das Buch nicht gut geeignet und bei Kurzgeschichten kann man ja problemlos mal eine Weile pausieren. Hoffentlich finde ich dafür bald wieder mehr Ruhe.
Inzwischen habe ich mal Damsel in Distress, den 5. Band der Daisy Dalrymple-Mysteries von Carola Dunn vorgezogen. Das ließ sich so richtig schön entspannt nebenbei lesen und der Kriminalfall war auch nicht so anspruchsvoll, dass man dafür allzu viele Gehirnkapazitäten gebraucht hätte. ;-)
Bei all der Bastlerei und Backerei hätte ich ja außerdem gerade gut Zeit für Hörbücher, aber Der lange Abschied von Raymond Chandler habe ich nun abgebrochen, da das leider gar nicht mein Fall war. Jetzt bin ich gerade ein wenig hörbuchlos. Ich habe zwar noch eine Erzählung von Stefan Zweig aus der Bücherei hier, aber darauf habe ich gerade nicht so viel Lust. Ich glaube, ich bräuchte eher etwas spannendes, das sich auch noch locker-flockig liest. Da ich morgen ohnehin in der Nähe meiner Lieblings-Zweigstelle der Büchereien sein werde, schaue ich vielleicht einfach mal, was mir dort über den Weg läuft.
Nun, da ich gar keine Hörbücher mehr auf dem SuB habe, überlege ich außerdem, ob ich nicht doch wieder ein Audible-Abo nehmen soll - vor einem guten Jahr hatte ich es abgemeldet, aber inzwischen sind alle Reserven von damals aufgebraucht. ;-)

Wenn ich in nächster Zeit weiterhin noch eher kommentierfaul bei euch sein werde, habt also bitte Nachsicht mit mir - ich komme gerade einfach kaum dazu eure Blogeinträge zu lesen. Ich finde es aber sehr schön, dass ihr alle so eifrig am Adventslesen seid und hoffe, dass ihr auch weiterhin noch viele gemütliche Lesestunden bis Weihnachten haben werdet!

Freitag, 12. Dezember 2014

Das war die Nobelpreis-Challenge

Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich die Nobelpreis-Challenge gestartet. Zehn tapfere Mitstreiterin haben sich eingefunden, um sich mit mir auf die Herausforderung zu stürzen, 10 Nobelpreisträger in einem Jahr zu lesen.
Als sich abzeichnete, dass das für uns alle etwas knapp werden könnte, habe ich die Challenge bis zur Vergabe des Nobelpreises am 10. Dezember verlängert. Nun ist sie also zu Ende gegangen und ich muss gleich einmal zerknirscht zugeben, dass ich selbst es knapp nicht mehr geschafft habe. Die letzten Tage waren so stressig, dass ich kaum zum Lesen gekommen bin und wenn, dann hatte ich nur noch Gehirnkapazitäten für etwas ganz und gar entspannendes frei. Die Kurzgeschichten von Ivo Andric werde ich daher nun in der nächsten Zeit hoffentlich ganz in Ruhe zu Ende lesen.

So gibt es also nur zwei erfolgreiche Teilnehmerinnen und zwar Ariana und cat. Herzlichen Glückwunsch ihr beiden! Für euren Eifer gibt es wie versprochen ein Lesezeichen und noch eine kleinen Preis (nein, auslosen werde ich zwischen euch beiden nicht mehr, bei soviel Einsatz habt ihr beide einen Gewinn verdient). Ich werde mich dann bei gegebener Zeit noch bei euch melden wegen der Adresse, aber das wird noch ein wenig dauern - rechnet nicht damit, dass sich vor Weihnachten noch etwas tut. ;-)
Außerdem habe ich als Ansporn auch noch versprochen, dass unter denen, die die halbe Challenge geschafft haben, auch ein kleiner Gewinn verlost wird. Wir sind drei, die 5 oder mehr Bücher gelesen haben, und da ich selbst mich natürlich nicht beschenken werde, habe ich zwischen Birthe und Nina ausgelost. Die Glücksfee hat Birthe gezogen - herzlichen Glückwunsch! Auch bei dir werde ich mich irgendwann nach Weihnachten melden.

Ich freue mich, dass ein paar von euch mich bis zum Ende der Challenge begleitet haben. Vor allem der Endspurt, den Ariana im November noch hingelegt hat, war wirklich beachtlich!
Schade, dass so viele erst gar nicht richtig in die Challenge eingestiegen sind oder schon nach einem Buch wieder aufgegeben haben. Immerhin hat gbwolf mir geschrieben, dass ihr die Challenge trotzdem etwas gebracht hat, was mich natürlich freut. Sie hat ziemlich mit Mo Yan gekämpft und nach allem, was sie über das Buch erzählt hat, denke ich mal, dass das eher nicht mein Autor sein wird ...

Tja, und nun? Ich würde an sich die Challenge im Jahr 2015 gerne weiterführen, da ich durch sie einige wirklich tolle Autoren entdeckt habe (vor allem Alice Munro und John Steinbeck haben mich begeistert) und nicht zuletzt dank eurer Rezensionen auch noch so einige Werke mein Interesse geweckt haben.
Ich bin aber noch unschlüssig, ob ich es wirklich als Challenge machen soll oder einfach als persönlichen Lesevorsatz. Vermutlich eher zweiteres - und es werden auch weniger als 10 Autoren sein, da mir das offensichtlich ein zu hohes Ziel war. "Dranbleiben" an den Nobelpreisträgern möchte ich aber auf jeden Fall schon.

Und hier als Abschluss noch einmal die Teilnehmerliste mit den gelesenen Büchern:


Neyasha (ich)
1. Alice Munro - Tanz der seligen Geister
2. Gabriel García Márquez - Die Liebe in den Zeiten der Cholera
3. Doris Lessing - Afrikanische Tragödie
4. J. M. Coetzee - Schande 
5. Rudyard Kipling - Dunkles Indien
6. John Steinbeck - Jenseits von Eden
7. Orhan Pamuk - Schnee 
8. Tomas Tranströmer - Die Erinnerungen sehen mich 
9. Patrick Modiano - Die Gasse der dunklen Läden

Ariana
1. Gabriel García Márquez - Chronik eines angekündigten Todes
2. Gerhart Hauptmann - Bahnwärter Thiel und andere frühe Meistererzählungen  
3. John Steinbeck - Of Mice and Men
4. J. M. Coetzee - Disgrace 
5. Toni Morrison - Beloved 
6. Dario Fo - Mama hat den besten Shit 
7. Knut Hamsun - Hunger
8. Kenzaburō Ōe - Reißt die Knospen ab
9. Samuel Beckett - Endgame + Happy Days
10. Patrick Modiano - Ein so junger Hund

cat 
1. Gerhart Hauptmann - Der Biberpelz
2. Pearl S. Buck - Das Mädchen Orchidee
3. Toni Morrison - Menschenkind 
4. W. B. Yeats - Ein Morgen grünes Gras 
5. Thomas Mann - Buddenbrooks
6. George Bernard Shaw - Cashel Byrons Beruf
7. Heinrich Böll - Im Tal der donnernden Hufe
8. Hermann Hesse - Narziß und Goldmund
9. Alice Munro - Liebes Leben
10. Patrick Modiano - Der Horizont

Birthe
1. John Steinbeck - Früchte des Zorns
2. George Bernard Shaw - Pygmalion
3. Halldór Laxness - Seelsorge am Gletscher 
4. Rudyard Kipling - Kim 
5. Ernest Hemingway - Der alte Mann und das Meer

Nina 
1. Nagib Mahfuz - Zwischen den Palästen (Kairoer Trilogie 1)
2. Toni Morrison - Liebe
3. José Saramago - Die Reise des Elefanten
4. Orhan Pamuk - Cevdet und seine Söhne
5. Alice Munro - Liebes Leben

Ann-Bettina 
1. William Golding - Close Quarters

Evie (Blog von der Bildfläche verschwunden)
1. Henryk Sienkiewicz - Quo vadis?

gbwolf

Wörterkatze 

Nanni 

Bücherphilosophin  (Blog von der Bildfläche verschwunden)

Sonntag, 7. Dezember 2014

Kathrin Passig/Sascha Lobo - Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin


Genre: Sachbuch, Ratgeber
Seiten: 272
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3644102019
Meine Bewertung: 3 von 5 Sternchen

Sachbuch-Challenge



Wer mit dem Wort "Prokrastination" nichts anfangen kann, sich morgens freudig auf die Aufgaben des Tages stürzt und alle Aufträge stets lange vor der Deadline abgibt, braucht in dieses Buch keinen Blick zu werfen. Wer sich dagegen nach einer Stunde gern mal fragt, was zum Kuckuck aus den "nur mal rasch 5 Minuten einen Blick ins Internet werfen" geworden ist oder vor einem Abgabetermin schon mal eine durchwachte Nacht verbringt, könnte durchaus zur Zielgruppe gehören.
Kathrin Passig und Sascha Lobo gehen hier sehr humorvoll dem Phänomen der Aufschieberitis bzw. der Prokrastination auf dem Grund und stellen Überlegungen an, wie es dazu kommt, wie man damit umgehen kann, usw.
Die wertvollste Botschaft, die einem dieses Buch vermittelt, ist: Es gibt unterschiedliche Typen von Menschen und diese haben eben auch unterschiedliche Arbeitsweisen. Die Neigung zum Prokrastinieren ist meistens nicht einfach nur Faulheit und etwas, das man mal eben mit ein bisschen Selbstdisziplin in den Griff bekommen kann. Vielmehr ist es ein Charakterzug, der zum Teil überhaupt erst durch unsere heutige, extrem leistungsorientierte Gesellschaft zu einem Problem wird.
Es geht daher in diesem Buch zu großen Teilen um Selbstakzeptanz und darum, das eigene Potenzial auf eine Art und Weise auszuschöpfen, wie sie auch zu einem selbst passt - und nicht, sich eine Arbeitsweise aufzuzwingen, die einem nun einmal nicht liegt und die man daher vermutlich auch nicht dauerhaft durchhalten kann.
Soweit so gut - und zumindest in diesem Punkt fand ich auch das Buch durchaus hilfreich und ermutigend. Es bestätigt mich auch in meiner eigenen Erfahrung: nämlich, dass man, wenn man zum Prokrastinieren neigt, eine strenge Selbstdisziplin nie lange durchhalten wird. So etwas schafft man für eine Weile und dann fällt man wieder in die alten Muster zurück (manchmal gleich noch mit JoJo-Effekt, also schlimmer als zuvor).
Im weiteren Verlauf konnte ich aber mit dem Ratgeber immer weniger anfangen. Die Tipps sind nur teilweise hilfreich und oft so übertrieben, dass ich mir die ganze Zeit nicht sicher war, wie weit sie ernst gemeint sind und wie weit schlichtweg Satire. Dazu kommt, dass ich ein wenig das Gefühl hatte, die Autoren würden hier ihren ganz eigenen Lebensstil zum allgemeingültigen Prinzip erklären oder sogar Verhaltensweisen, die ich nahezu als gefährlich empfinde, weiter ermutigen (etwa das Aufschieben von Arztbesuchen oder das Ignorieren von amtlichen Briefen).
Vielleicht kann man auch mehr damit anfangen, wenn man tatsächlich so extrem zum Prokrastinieren neigt wie in einigen Beispielen darin geschildert. Ich selbst bin ja eher eine seltsame Mischung zwischen sehr diszipliniert und extrem zum Aufschieben neigend und konnte mich vielleicht auch deshalb in den Beschreibungen und Tipps nicht wiederfinden.
Unterm Strich ist der Ratgeber meistens amüsant und kurzweilig zu lesen und ganz nützlich dafür, um einem selbst auch mal wieder einen etwas anderen Blick auf die Dinge zu verschaffen. Als wirklich hilfreich habe ich ihn hingegen nicht empfunden - und der Titel sollte auch eher nicht lauten "Dinge geregelt kriegen", sondern "Wie ich damit umgehe, dass ich Dinge nicht geregelt kriege".
Das beste am Buch ist übrigens der Trailer, über den ich mich wirklich königlich amüsiert habe:

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Patrick Modiano - Die Gasse der dunklen Läden


Genre: Erzählung
Seiten: 160
Verlag: Suhrkamp
 ISBN: 978-3518466179
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternchen

Ein Jahr mit Nobelpreisträgern


Guy Roland weiß nicht, wer er ist und wie sein wahrer Name lautet. Seit fast zehn Jahren arbeitet er unter einer erfundenen Identität für einen Pariser Privatdetektiv. Als dieser seine Tätigkeit aufgibt, macht sich Guy auf die Suche nach seiner eigenen Vergangenheit. Gespräche mit Fremden, alte Fotografien, auf denen er sich zu erkennen glaubt und rätselhafte Hinweise führen dazu, dass nach und nach das Bild eines Menschen zutage tritt. Die Frage ist nur, ob Guy tatsächlich dieser Mensch ist oder erneut in die Identität eines Fremden schlüpft.

Für "Die Gasse der dunklen Läden" wurde der diesjährige Nobelpreisträger Patrick Modiano 1978 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Es handelt sich auch tatsächlich um einen sehr interessanten Roman, der mich aber nicht ganz überzeugen konnte.
Ein Mann im mittleren Alter sucht darin nach seiner Identität und seiner vergessenen Vergangenheit. Er hangelt sich dabei von Hinweis zu Hinweis, unterhält sich in den Gassen von Paris mit allerlei Menschen, die ihn wiederum auf andere bringen und bringt dabei verschüttete Erinnerungen ans Tageslicht, bei denen er sich nicht sicher ist, ob sie wirklich seine Erinnerungen sind oder nur Fantasien, die er sich aufgrund der Gespräche zurechtzimmert.
Der Roman ist vermeintlich so einfach zu lesen, dass man Gefahr läuft, ihn zu schnell "wegzulesen". Denn obwohl die Sprache sehr schlicht ist und die zahlreichen Dialoge zu einem flotten Lesen verleiten, verlangt die Erzählung ein hohes Maß an Konzentration. Die zahlreichen Namen und all die Menschen, die Guy kurzfristig auf seiner Suche begleiten und ihm aus ihrem Leben erzählen, sind mir teilweise im Kopf durcheinander gepurzelt. Das Problem war vor allem, dass ich mittendrin eine längere Lesepause hatte und danach nur schwer wieder hineinfinden konnte. Ich würde also empfehlen, dass man sich für den Roman ausreichend Zeit nimmt, ihn aber zwischendurch nicht zu lange weglegt.

Das Rätsel, das Guys Vergangenheit umgibt, bleibt bis zum Ende spannend - umso mehr, weil die Wahrheit letztendlich in der Schwebe bleibt. Ich fand die ungelösten Fragen einerseits faszinierend, hatte aber andererseits mit einer gewissen Ratlosigkeit am Ende zu kämpfen. Es gab einfach einige Szenen und Episoden, die ich nicht einzuordnen wusste und einiges, das mir dann doch zu unklar blieb.
Guys Suche führt ihn zurück in die 40er Jahre und damit werden in dem Roman praktisch alle von Modianos offenbar beliebtesten Themen behandelt: Vergessen, Erinnerung, Frankreich zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, unklare Identitäten.

Sprachlich liest sich der Roman sehr gut. Wie schon erwähnt ist der Stil eher schlicht, manchmal fast karg und die Wortwahl sehr präzise. Einzig der häufige - und aus meiner Sicht unmotivierte - Wechsel zwischen Präsens und Präteritum hat mich ein wenig irritiert. Möglicherweise liegt das an der Übersetzung und im Französischen fügen sich diese Zeitenwechsel besser ein.

Alles in allem ist "Die Gasse der dunklen Läden" ein faszinierender Roman, der zwar anspruchsvoll ist, sich aber dennoch sehr flüssig lesen lässt. Die Suche nach Guys verschütteten Erinnerungen ist ebenso interessant wie all die Lebensgeschichten anderer Menschen, die sich nach und nach entfalten.
Trotzdem wollte bei mir der Funke nicht ganz überspringen. Zum Teil liegt das wohl am Ende, das mich ein wenig ratlos zurückließ; zum Teil auch daran, dass ich das schwammige Gefühl hatte, dem Roman würde das "gewisse Etwas" fehlen. Kein Höhepunkt also im Rahmen meiner Challenge, aber doch ein Buch, das ich weiterempfehlen kann.