Mittwoch, 28. Mai 2014

Stieg Larsson - Verblendung



Genre: Krimi
Dauer: 10 Stunden 20 Minuten (gekürzte Lesung)
gelesen von: Dietmar Bär
Verlag: Random House Audio
ISBN: 978-3866049949
Meine Bewertung: 4,5 von 5 Sternchen


Eine Enthüllungsstory über die zweifelhaften Geschäftspraktiken eines Industriellen hat den
 Reporter Mikael Blomqvist in Teufels Küche gebracht. So kommt es für ihn gelegen, als ihn ein alter Mann darauf ansetzt, das spurlose Verschwinden seiner Nichte vor über 40 Jahren aufzuklären. Hilfe erhält Mikael dabei von der Computerspezialistin Lisbeth Salander. Bald merken die beiden aber, dass sie mit ihren Nachforschungen in das reinste Hornissennest gestochen haben.

Für manche Bücher braucht man zwei Anläufe: Ich hatte schon einmal mit "Verblendung" begonnen, als es damals in aller Munde war, aber ich konnte nicht hineinfinden, fand es auch gar nicht fesselnd und da es ohnehin nur geliehen war, habe ich es abgebrochen, noch ehe die eigentliche Handlung begonnen hatte.
Nun habe ich es mit dem Hörbuch noch einmal probiert und kann wirklich nicht mehr nachvollziehen, was mir damals an dem Roman nicht gefallen hat. Gut, die Sache um die Enthüllungsstory am Anfang hat mich auch dieses Mal nicht sofort hineingezogen, aber sobald es um das Verschwinden von Harriet Vanger ging, hatte der Roman mich am Haken. In jeder freien Minute habe ich dem Hörbuch gelauscht, so spannend fand ich die Geschichte.

Dabei ist das Tempo des Romans gar nicht einmal so hoch: Larsson nimmt sich Zeit für seine Figuren, für Beschreibungen und die kleinen Details am Rande. Man kann also nicht behaupten, dass man von einer Actionszene in die nächste stolpert. Trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) fand ich die Handlung beinahe durchgehend sehr spannend. Zunächst dachte ich, es würde sich hier eher um einen Politthriller handeln, aber im Grunde ist "Verblendung" ein ganz klassischer Krimi, der auch mit einigen Überraschungen aufwarten kann. Die eine oder andere Wendung war mir zwar schon recht bald klar, aber das hat die Spannung keineswegs beeinträchtigt - und das große Gesamtbild konnte ich ohnehin erst am Ende überblicken.
Die ganze Geschichte rund um Harriets Verschwinden und Mikaels Nachforschungen innerhalb der verzweigten Vanger-Familie finde ich wirklich hervorragend umgesetzt, auch die Art und Weise, wie der Reporter und Lisbeth nach und nach aufdecken, was damals passiert ist.

Besonders bekannt ist Stieg Larsson wohl für seine beiden Ermittler Mikael und Lisbeth. Gerade die hochintelligente Computerspezialistin, die so einige dunkle Abgründe zu bieten hat, ist eine durchaus interessante Figur. Allerdings muss ich zugeben, dass ich die allgemeine Begeisterung für die beiden nicht gänzlich nachvollziehen kann. Mikael ist nicht unsympathisch, wirkt aber als Figur recht flach. Und Lisbeth kommt mir nicht ganz konsistent gezeichnet vor. Je nachdem, wie es der Plot gerade erfordert, ist sie entweder sozial völlig inkompetent (bis hin zu soziopathisch) oder gänzlich normal und auch mitfühlend in ihrem Verhalten. Das führt dazu, dass sie teilweise zu sehr eine Überflieger-Figur ist, da ihre größte Schwäche nicht konsequent ausgeführt wird.
Im Gesamtkontext des Romans waren das für mich aber doch eher kleine Schönheitsfehler, die mir wohl vor allem deshalb aufgefallen sind, weil Larsson für die beiden immer so hochgejubelt wird.

Alles in allem ist "Verblendung" meiner Meinung nach zu recht so gehypt worden. Wenn ich den Roman auch nicht ganz perfekt fand, handelt es sich doch um eins meiner absoluten Krimi-Highlights der letzten Jahre. Ich hoffe, dass die Nachfolgebände das hohe Niveau halten können! 

Ein paar Worte noch zum Hörbuch: Erst nach dem Hören ist mir aufgefallen, dass es sich um eine gekürzte Lesung handelt. Angesichts der (für einen Krimi) recht stattlichen Hördauer hätte ich das nicht vermutet und mir kam auch nichts an der Handlung sprunghaft oder überhastet vor. Trotzdem kann es natürlich sein, dass meine Kritikpunkte sich zum Teil durch die Kürzung ergeben - es kann aber auch sein, dass ich erst durch die Kürzung den Roman diesmal von Anfang an spannend fand. 
Da mir aber die Lesung von Dietmar Bär sehr gut gefallen hat, werde ich bei "Verdammnis" vielleicht dennoch wieder zum Hörbuch greifen.

Kommentare:

  1. Gerade weil die Romane so hochgejubelt wurden, hatte ich überhaupt keine Lust sie zu lesen. Aber wir haben die Verfilmung ausprobiert, als sie im Fernsehen lief, und da hatte mir der erste Teil auch gefallen. Beim zweiten Teil hingegen haben wir abgebrochen, weil einige Szenen rund um Lisbeth uns einfach zu viel, zu übertrieben, zu unnötig brutal waren. Vielleicht lag es an meiner damaligen Stimmung, aber das hat mir die Lust auf einen weiteren Versuch mit der Geschichte genommen.

    Umso schöner finde ich es, dass du dich mit dem Hörbuch so gut unterhalten gefühlt hast. Vielleicht tun ein paar (geschickte) Kürzungen der Handlung wirklich gut - und Dietmar Bär ist als Sprecher ja auch recht angenehm. :)

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    1. Ich glaube fast, dass ich bei meinem ersten Anlauf auch alleine wegen des Hypes schon mit einer negativen Einstellung an den Roman herangegangen bin. Vermutlich war ich von all dem Gejubel einfach genervt. Jetzt, mit etwas Abstand, konnte ich viel unbefangener an den Roman herangehen.
      Mit deinen Worten zum zweiten Teil machst du mir jetzt allerdings nicht so viel Hoffnung.
      Hast du die schwedische oder die amerikanische Verfilmung gesehen?

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    2. Ich hoffe, dass dir der zweite Teil gefällt! Ich werde schnell ungnädig mit einigen Aspekten der skandinavischen Krimis, wenn es um persönliche Probleme der Protagonisten geht. Wenn du damit leben kannst, dann stört dich diese Entwicklung bei Lisbeths Geschichte vermutlich nicht so sehr wie mich. :)

      Die schwedische! Amerikanische Re-Makes versuche ich zu vermeiden, die sind mir zu oft zu glattgebügelt und haben weniger Atmosphäre.

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  2. Teil 2 und 3 sind tatsächlich nochmal anders als der erste Band, der schon fast ein bisschen isloiert steht. Ich mochte die sogar noch lieber, aber das muss ja nichts heißen.

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    1. Ich habe ja direkt ein wenig Angst vor dem nächsten Band, weil ich befürchte, dass er mir vielleicht nicht mehr gefallen wird. Für mich war das beste an "Verblendung" ja dieser alte Kriminalfall, der wieder ausgegraben wird und dazu dieses fast schon klassische, geschlossene Inselsetting.

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    2. Puh... "Verdammnis" ist da schon sehr anders. Und beide von dir genannten Punkte treffen auf die Geschichte nicht zu. Schwierig!

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  3. Mir haben alle drei Bände gut gefallen, ich fand aber auch Lisbeth als Figur sehr interessant. Da es in Teil 2 und 3 stärker um sie geht, kam mir das natürlich entgegen. ;-)

    Ich würde an deiner Stelle dem zweiten Hörbuch auf jeden Fall eine Chance geben, wenn es dich gar nicht anspricht, hast du es zumindest versucht.

    @ Winterkatze: Mir geht es auch so mit den amerikanischen Remakes von europäischen Verfilmungen (gutes Beispiel: "Bella Martha" und "Ein Rezept zum Verlieben" *schüttel*). Bei "Verblendung" fand ich die amerikanische Version aber gar nicht mal schlecht. Sie hat die Schwerpunkte ein bisschen anders gesetzt, ich war aber erstaunt, wie wenig da glattgebügelt wurde. Hätte nämlich gerade bei Lisbeths Geschichte viel mehr Kürzungen erwartet. Nur James Bond habe ich leider nicht ganz aus dem Kopf bekommen, dabei ist Daniel Craig als Mikael durchaus gut gewählt.

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    1. @Ariana: Man hätte Catherine Zeta Jones nicht für die Rolle besetzen dürfen! Das allein hat schon gereicht, dass ich nach zehn Minuten den Versuch aufgab, diesen Film zu schauen. Ihr fehlt einfach das (angenehm) Herbe und Sperrige von Martina Gedeck in dieser Rolle.

      Oh, nicht so viele Kürzungen wie erwartet? Okay, das spricht dann wohl mal für die amerikanische Version! Aber bei dem Erfolg des Buches konnte man vielleicht auch nicht so extrem in die Figurendarstellung eingreifen.

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