Samstag, 8. März 2014

Doris Lessing - Afrikanische Tragödie


Genre: Gegenwartsliteratur
Seiten: 256
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag
ISBN: 978-3596257478
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternchen

Ein Jahr mit Nobelpreisträgern


Ein paar unbedachte Worte ihrer Freundinnen reißen die dreißigjährige Mary aus ihrem angenehmen Leben als alleinstehende Sekretärin in der Stadt und bewegen sie dazu, den mittellosen Farmer Dick Turner zu heiraten. Doch die Ehe bringt ihnen beiden kein Glück. Mary kommt mit dem ärmlichen, einsamen Leben auf der Farm nicht zurecht, während Dick sich auf einmal dank seiner Frau mit einer ganzen Reihe neuer Probleme konfrontiert sieht. Als der schwarze Farmarbeiter Moses als Diener ins Haus geholt wird, eskaliert die Situation.

Doris Lessings erster Roman beginnt mit dem Endpunkt der Tragödie: mit dem Mord an Mary Turner, dessen Hintergründe nach und nach erzählt werden. Was auf den ersten Seiten noch nach Krimi aussieht, entpuppt sich rasch als detailliert gezeichnetes Psychogramm mit einem interessanten Beziehungsgeflecht. Eindrücklich schildert die Autorin, wie die Turners in einer Abwärtsspirale gefangen sind, aus der sie nicht entkommen können.

Dabei scheint Marys Leben nach einer schwierigen Kindheit zunächst einen glücklichen Verlauf zu nehmen. Im Rhodesien der dreißiger Jahre führt sie als alleinstehende Frau mit einem festen Beruf ein recht sorgloses Leben, das ein jähes Ende nimmt, als sie den Eindruck bekommt, dass ihre Freundinnen sie als verschrobene alte Jungfer betrachten. Das wirft Mary derartig aus der Bahn, dass sie sich überhastet auf eine Ehe einlässt, die schon von Anfang an unter keinem guten Stern steht.
Mary und Dick sind derartig unterschiedlich, dass es ihnen unmöglich ist, die Sichtweise des jeweils anderen zu verstehen. Als Leserin hingegen hatte ich für beide Verständnis und empfand für beide sowohl Mitleid als auch Ärger. Denn Mary ist oft alles andere als liebenswert und das Zusammenleben mit Dick scheint ihre schlechtesten Eigenschaften zutage zu bringen. Vor allem ihr menschenverachtender Umgang mit den schwarzen Arbeitern ist oft nur schwer zu ertragen. Sie selbst weiß meist nicht, wie sie sich den Arbeitern gegenüber verhalten soll und pendelt zwischen Abscheu, Furcht und einem seltsamen Machtbestreben, das im Grunde nur ihrer eigenen Unsicherheit entspringt.

Es wäre allerdings zu simpel, würde man die kommenden Ereignisse alleine Marys Rassismus zuschieben. In Lessings Roman sind alle an der unglücklichen Situation Schuld - und zugleich niemand. Das macht die Lektüre so faszinierend und zugleich schmerzhaft. Denn schmerzhaft ist das Lesen dieses Romans: Die Turners sind in einer derartigen Hoffnungslosigkeit und Frustration gefangen, dass kaum noch ein Lichtblick bleibt.
Nein, "Spaß" macht das beim Lesen nicht, aber der Roman ist dennoch so fesselnd und flüssig geschrieben, dass ich ihn gerne gelesen habe. Doris Lessing schildert die inneren und äußeren Konflikte der Figuren so eindrücklich, dass man mühelos in sie eintauchen kann und die tragische Entwicklung nahezu atemlos verfolgt. Es sind mehrere Konflikte, die in ihrem Buch thematisiert werden: zwischen weiß und schwarz, Mann und Frau, Stadt und Land, Armut und Reichtum, Kolonialherren und Einheimischen.

Sprachlich ist die "Afrikanische Tragödie" nüchtern und klar geschrieben und einfach zu lesen - bis auf das Ende, das Marys zunehmend verwirrten Geisteszustand widerspiegelt. Daher ist auch der tatsächliche Grund für den Mord ebenso schwer zu durchschauen wie die eigenartige Beziehung zwischen Mary und Moses.
Ich hätte mir das Ende ein wenig klarer gewünscht und den Roman allgemein etwas weniger deprimierend, aber er hat mir dennoch sehr gut gefallen und ich bin froh, dass ich dank meiner Challenge nun endlich einmal etwas von Doris Lessing gelesen habe.

Kommentare:

  1. Oh, das klingt toll! Ich habe bisher von Doris Lessing nur eine wirklich tolle Kurzgeschichte gelesen ("To Room Nineteen") und eine Erzählung, die ich gar nicht toll fand ("Tage am Strand"). An "The Golden Notebook" habe ich mich mal versucht, dann aber aufgegeben. "Afrikanische Tragödie" klingt aber, als wäre das Buch nach meinem Geschmack. Werde ich mir für die Nobelpreis-Challenges mal notieren. :-)

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    1. Also ich hab ja keinen Vergleich, da ich sonst noch nichts von Doris Lessing gelesen habe, aber diesen Roman fand ich wirklich gut. Er ist auch recht "einfach" zu lesen und trotz des deprimierenden Verlaufs kurzweilig, also ein Aufgeben ist da eher nicht zu befürchten.

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  2. Hey Hallo! Ich wollte dir nur einen kleinen Tipp geben: Das Buch EIN KIND DER LIEBE beinhaltet drei wirklich wunderbare Kurzgeschichten von Doris Lessing. Sie sind traurig, anregend, betörend, bestürzend und sehr schön - und nüchtern - geschrieben. Und dennoch voller Hoffnung. Vielleicht versöhnt dich das ja mit der Deprimiertheit des Romans :-)

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