Samstag, 20. April 2013

Maggie Stiefvater - The Scorpio Races


Genre: Phantastik, Jugendroman
Seiten: 482
Verlag: Scholastic
ISBN: 9781407129853
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternchen




Jedes Jahr entsteigen auf der sturmumtosten Insel Thisby die legendären capaill uisce den Fluten: wilde Pferde, die teils im Wasser, teils auf dem Land leben und die sich von Fleisch und Blut ernähren. Wagemutige Männer reiten sie alljährlich in den gefährlichen Scorpio Races. Einer von ihnen ist Sean Kendrick, mehrfacher Gewinner der Rennen, für den in diesem Jahr viel auf dem Spiel steht: Nur, wenn er erneut gewinnt, kann er den Hengst Corr endlich seinem Arbeitgeber abkaufen.
Kate "Puck" Connolly hatte nie viel mit den Scorpio Races am Hut, aber nun sieht sie sich durch den drohenden Verlust ihres Hauses zur Teilnahme gezwungen. Und so wagt sie sich mit ihrer kleinen Stute Dove mitten unter die blutrünstigen capaill uisce.

Maggie Stiefvater hat sich in diesem Roman dem Mythos um die Kelpies angenommen und daraus einen äußerst ungewöhnlichen und faszinierenden Roman entwickelt. Von der Atmosphäre her hat er mich ein wenig an Marguerite Henrys "Der Sieger von Siena" erinnert, aber durch die phantastischen Elemente schlägt "The Scorpio Races" ganz andere Wege ein als die gängigen Pferderomane.
Es ist also eine recht eigene Mischung, die zwar prinzipiell gut funktioniert, mich aber doch nicht immer überzeugt hat. Die Risiken, die die Männer auf sich nehmen, kamen mir zu groß vor, die capaill uisce manchmal gar zu gefährlich und blutrünstig. Wer würde sich denn nur für Ruhm und Ehre bei einem Rennen in die Nähe solcher Wesen wagen? Im Laufe der Geschichte wird allerdings der kultische Charakter der Rennen, der Wasserpferde und des Meeres allgemein immer deutlicher und sorgt für ein stimmigeres Bild. Trotzdem habe ich mich gefragt, wie es auf der Insel überhaupt noch Männer geben kann, wenn die Rennen (großteils auch schon im Vorfeld) jedes Jahr für den Tod mehrerer Teilnehmer verantwortlich sind.

Abgesehen von diesen Unstimmigkeiten konnte mich der Roman aber ganz und gar überzeugen. Obwohl es recht grausam und blutig zugeht, ist die Grundstimmung dennoch eher ruhig. "The Scorpio Races" lebt nicht von Action, sondern von interessanten Figuren und unglaublich bildhaften Beschreibungen. Die raue Insel Thisby, der immer mehr Bewohner den Rücken kehren, die Sean und Puck aber so sehr lieben, ist eines der schönsten Settings, das mir jemals beim Lesen untergekommen ist. Die windschiefen Häuser, die Klippen, das Städtchen Skarmouth und immer wieder das Meer: Das alles erweckt Maggie Stiefvater so anschaulich zum Leben, dass ich beim Lesen fast das Gefühl hatte, die salzige Meeresluft zu riechen und das Tosen des Windes zu hören.
Die zeitliche Stellung wird nicht völlig klar, vom Gefühl her ist "The Scorpio Races" aber eher in den 50er Jahren als in der Gegenwart angesiedelt.

Genauso deutlich wie Thisby standen mir auch Sean und Puck sowie die wunderbaren Nebenfiguren wie etwa Pucks kleiner Bruder vor Augen. Die beginnende Freundschaft zwischen der eigenwilligen, schroffen Puck und dem unnahbaren Sean ist sehr schön beschrieben. Hier treffen zwei Einzelgänger aufeinander, die durch ihre Liebe zu den Pferden und zu der Insel langsam merken, dass sie auch sonst einiges gemeinsam haben. Eine Liebesgeschichte ist das nur am Rande und auch erst sehr spät.
Wie aber können solche Gefühle überdauern, wenn die beiden beim Rennen als Rivalen gegeneinander antreten und für beide das auf dem Spiel steht, was ihnen alles bedeutet? In diesem Zwiespalt findet man sich auch beim Lesen wieder, da der Roman abwechselnd aus der Sicht von Sean und Puck erzählt wird und man also unweigerlich auf beide Seiten gleichermaßen gezogen wird.
Ich werde natürlich nicht verraten, welchen Ausweg aus diesem Dilemma Maggie Stiefvater gefunden hat, nur soviel sei gesagt: Ich fand das Ende sehr gelungen und stimmig.

"The Scorpio Races" ist ein ungewöhnlicher Roman vor allem für Pferdefreunde, wobei er wohl eher nicht für zartbesaitete Gemüter geeignet ist, da er weder mit Menschen noch mit Tieren allzu zimperlich umgeht. Die bildhaften Beschreibungen tun ihr übriges, machen den Roman aber auch zu etwas ganz besonderem. Allein bei der Beschreibung der November Cakes lief mir schon das Wasser im Mund zusammen - gut, dass es dafür sogar ein Rezept gibt, das ich demnächst unbedingt einmal ausprobieren muss.

Kommentare:

  1. Ich bin mir sooo unsicher, was dieses Buch angeht. Zum einen klingt es toll und ich möchte endlich mal was von M. Stiefvater lesen, zum anderen: hmm, diese sich von Fleisch und Blut ernährenden Pferde finde ich komisch. :s

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    1. Ich hatte eben auch meine Probleme mit diesem Hintergrund. Trotzdem fand ich den Roman sehr lesenswert und würde ihn noch vor der "Mercy Falls"-Trilogie empfehlen, die sich doch auf sehr bekannten Pfaden bewegt.

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    2. Ich glaube, Nanni wollte sich das Buch noch kaufen (oder hat es sich schon gekauft?), dann leih ich es da am besten mal.

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  2. Ich fand das Buch toll. Vorallem, dass es keine Knall-auf-Fall und unsterblich-für-immer Liebe gab.
    Ich Nachhinein kann ich eigentlich gar nicht mehr sagen, was mich so gefesselt hat. Die Pferde , die Insel, die Charas... ich mag die Geschichte.

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    1. Ja, diese sehr zarte und langsame Liebesgeschichte hat mir eben auch sehr gut gefallen. Vor allem, weil ich sie dennoch emotional als sehr intensiv empfunden habe.

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  3. Ah, danke, auf die Rezension hab ich gewartet. ich hab das Buch hier rumliegen, konnte mich anhand des Klappentextes aber noch nicht aufraffen, es klang gar zu sehr nach phantastisch angehauchter Lovestory. Und mir war auch nicht klar, daß es um Kelpies geht. *g* Werd ich mich vielleicht doch mal dran machen. - Und natürlich, bei klassischen mythologischen Kelpies muß es Blut und Fleisch sein, Menscheinfleisch auch gerne mal. ;)

    Liebe Grüße
    Vinni

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    1. Romantik steht in dem Roman definitiv nicht im Vordergund. Ich tu mir grundsätzlich schwer, den Roman zu empfehlen, weil er eben schon recht eigenwillig und die Thematik sicher nicht jedermanns Fall ist. Aber zumindest deine Befürchtungen, dass es vor allem eine Lovestory ist, kann ich schon mal zerstreuen.
      Klassisch mythologische Kelpies würde ich die capaill uisce nun nicht direkt nennen - dafür hat die Autorin zu sehr ihre ganz eigene Version davon gestrickt. Aber die Inspirationsquelle ist trotzdem klar erkennbar.

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