Freitag, 22. Juni 2012

Rachel Joyce - die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry


Genre: Roman (präziser kann man das hier wirklich nicht sagen)
Seiten: 384
Verlag: Krüger
ISBN: 978-3810510792
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternchen

Themen-Challenge (Reise) 


Als Harold Fry einen Brief von seiner ehemaligen Arbeitskollegin Queenie Hennessy bekommt, in dem sie schreibt, dass sie im Sterben liegt, möchte er eigentlich nur rasch seine Antwort in den nächsten Briefkasten werfen. Doch er geht weiter und weiter, bis er nach einem Gespräch mit einem Mädchen an einer Tankstelle weiß, was er machen möchte: Zu Fuß zu Queenies Hospiz an der schottischen Grenze gehen, fast 1000 Kilometer. Queenie müsse mit dem Sterben warten, sagt er bei einem Telefongespräch mit dem Hospiz, denn er wäre auf dem Weg zu ihr - zu Fuß.

"Du unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" hat mich gleich auf den ersten Seiten in seinen Bann gezogen. Diese Idee (oder Mission) des unscheinbaren Harold, der nach 45 Jahren als Handelsvertreter nun im Ruhestand ist und noch nie etwas ungewöhnliches in seinem Leben gemacht hat, fand ich sofort großartig.
Harold ist zunächst selbst von seinem Entschluss überwältigt und nahezu eingeschüchtert, doch die positiven Reaktionen der Menschen, denen er davon erzählt, spornen ihn an. Nur seine Frau Maureen, die sich von ihm schon lange entfremdet hat, hält seinen Entschluss für völligen Unsinn.

Gerade diese ersten Tage von Harold haben mir am besten gefallen: Seine Zweifel, zugleich aber die Entschlossenheit, weiterzugehen. Die praktischen Probleme, auf die er stößt. Und die großartigen Menschen, denen er begegnet und ihre Reaktionen auf sein Vorhaben.
Das alles liest sich unglaublich berührend und herzerwärmend und weckt in einem beinahe den Wunsch, eine ähnliche Reise zu beginnen. Am schönsten ist es, zu beobachten, wie Harold sich nach und nach verändert und weiterentwickelt, an Selbstbewusstsein gewinnt und ganz neue Seiten an sich entdeckt.

Leider hat mir dann das letzte Viertel des Buches nicht mehr so gut gefallen. Nach der anfänglichen Euphorie machte sich bei mir ein Gefühl der Leere und der Frustration breit - das ist an sich passend, da es Harold ganz ähnlich ergeht, aber leider waren diese Gefühle auch das, was bei mir nach dem Lesen nachhallte.
Und das lag für mich nicht mehr an den Problemen und Zweifeln von Harold, sondern an folgenden Punkten: Nach dem gemächlichen Einstieg und der langsamen Charakterentwicklung am Anfang fand ich am Ende vieles zu schnell und überhastet. Außerdem wartete ich vergeblich auf die von der Autorin im Klappentext versprochenen "Überraschungen" und unerwarteten Wendungen, von denen einige Kritikten berichteten. Ich fand das gesamte Ende mit all seinen "Auflösungen" unglaublich vorhersehbar und es ist nichts passiert, von dem ich nicht schon nach 100 Seiten angenommen hatte, dass es passiert.
Das finde ich noch immer schade - ich hätte mir hier gewünscht, dass Rachel Joyce ihre Leser tatsächlich überrascht, indem sie ungewöhnliche Wege einschlägt und mit manchen Erwartungshaltungen bricht. Aber vielleicht hatte ich einfach die "falschen" (bzw. vielmehr die richtigen) Erwartungen.

Insgesamt ist Rachel Joyce' Roman sehr schön, berührend, oft humorvoll und unglaublich warmherzig. Leider hat mich das Ende nicht so überzeugt - es ist zu vorhersehbar und kratzt sogar an manchen Stellen schon sehr stark an der Grenze zum Kitsch.
Lesenswert finde ich Harolds ungewöhnliche Pilgerreise dennoch. Gerade die erste Hälfte, die ich im Schnelltempo verschlungen habe, gehört für mich zum besten, was ich in der letzten Zeit gelesen habe.

Kommentare:

  1. Um den Roman bin ich neulich auch schon mal herumgeschlichten, habe mich dann aber nicht getraut, ihn mir zu besorgen, weil ich dachte, dass ich sicher enttäuscht werde. Die Leseprobe war toll, aber irgendwie hatte ich die Befürchtung, dass es im weiteren Verlauf eher blöd und kitschig werden könnte.
    Wenn du jetzt sagst, dass es wenigstens nicht sehr stark der Fall ist und der erste Teil so schön weitergeht, wie er anfängt, werde ich es wohl doch noch lesen. :-)

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  2. Nein, sehr stark ist das nicht der Fall! Gerade die erste Hälfte fand ich ganz wunderbar, danach hat es eben für mich etwas nachgelassen, aber ich finde, es lohnt sich dennoch, den Roman zu lesen. :-)

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  3. Übrigens: Ich habe das Buch jetzt zum Geburtstag bekommen. :-)
    Freu mich schon drauf - meine Mutter war jedenfalls total begeistert (bei uns werden Bücher immer vorm Verschenken gelesen - man muss doch wissen, was man da weitergibt ...).

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