Sonntag, 23. April 2017

Zehn Bücher, die mein Lesen verändert haben

Da ich schon wieder vergessen habe, ein Gewinnspiel für den Welttag des Buches vorzubereiten, möchte ich anlässlich des heutigen Tages wenigstens einen Beitrag schreiben, der mir schon seit einer Weile im Kopf herumspukt: Ich werde zehn Bücher beleuchten, die in irgendeiner Weise mein weiteres Leseverhalten verändert haben - etwa, dass ich ein neues Genre kennengelernt oder mir eine andere Art des Lesens erschlossen habe.

Kurt Held - Die rote Zora und ihre Bande

Soweit ich mich erinnern kann, war das das erste Buch in meinem Leben, mit dem im zunächst gekämpft habe. Ich muss acht oder neun Jahre alt gewesen sein, als ich es gelesen habe. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon unzählige Bücher (von "Bille und Zottel" über die Serien von Enid Blyton bis hin zu Astrid Lindgren) gelesen, in die ich aber stets auf Anhieb hineingefunden habe. "Die rote Zora", ein Buch, das meiner Mutter gehört hatte, war für mich aber in dem Alter vom Einstieg her schwierig. Straßenkinder in Jugoslawien um 1940 - das war für mich als Kind sehr fremd und mit vielen Namen/Begriffen konnte ich nichts anfangen. Ich war aber damals immer so verzweifelt auf der Suche nach neuem Lesestoff, dass ich dennoch weitergelesen und das Buch dann schnell lieben gelernt habe. Was mir dieser Roman (neben einer tollen Geschichte) mitgegeben hat, war Geduld und die Bereitschaft, einem Buch auch dann eine Chance zu geben, wenn der Einstieg sperrig und das Äußere nicht allzu einladend ist.



Agatha Christie - Das Böse unter der Sonne

Im Sommer, bevor ich ins Gymnasium kam (ich war damals also gerade zehn Jahre alt geworden) besuchten wir meine Tante, die damals in der Nähe von Cambridge wohnte. Mitten im Urlaub ging mir der Lesestoff aus und da ich vor Ort mangels Englischkenntnissen auch nur schlecht mit neuem versorgt werden konnte, gab meine Mutter mir das Buch, das sie selbst mitgebracht hatte: Agatha Christies "Das Böse unter der Sonne". Ich hatte schon vorher sehr gern Detektivserien wie "Die fünf Freunde", "Die schwarze Sieben" und "Trixie Belden" gelesen, aber das war mein erster Kontakt mit Erwachsenenkrimis. Danach las ich mich zuhause quer durch das Agatha-Christie-Angebot der Bibliothek - und entwickelte in dieser Zeit eine Begeisterung für Cozy mysteries, die im Grunde bis heute anhält.

Wolfgang Hohlbein - Unterland

Als junger Teenie mit etwa zwölf Jahren geriet ich in eine Lesekrise. Für meine geliebten Kinderbuchserien fühlte ich mich allmählich zu alt, aber in der Erwachsenenliteratur fühlte ich mich abseits von Krimis noch nicht sehr zuhause. Da damals das Angebot an Jugendbüchern in der Bibliothek kaum vorhanden war (es gab nur ein paar Teenie-Problembücher, die mich nicht interessierten), saß ich etwas verloren zwischen den Stühlen der Kinder- und Erwachsenenbücher. In dieser Krise lieh mir eine Klassenkameradin Hohlbeins "Unterland" und ich war begeistert. 800 Seiten Spannung und Abenteuer mit einem jugendlichen Protagonisten. Ich war im Lesehimmel! Danach las ich mich nicht nur quer durch Hohlbeins Romane, sondern hatte auch das Genre Fantasy für mich entdeckt. In der Bibliothek entdeckte ich nämlich in einem so betitelten Regal irgendwo im letzten Eck Hohlbein und andere Autoren. 
Strenggenommen habe ich auch schon als Kind Bücher gelesen, die in dieses Genre fallen (z.B. Michael Endes "Die unendliche Geschichte"), aber erst jetzt griff ich bewusst dazu.

J.R.R. Tolkien - Der Herr der Ringe

Nach der Entdeckung der Fantasy dauerte es noch gut zwei Jahre, bis ich endlich den Klassiker dieses Genres zur Hand nahm. Es lässt sich nur schwer in Worte fassen, was diese Trilogie damals für mich bedeutete. Tolkiens Schrebstil und Mittelerde saugten mich in sich auf und ich war von der Tiefe dieser Welt völlig überwältigt. Als ich mit dem Buch zu Ende war, hatte ich das Gefühl, dass ich nie wieder etwas lesen würde, was diesem gleichkommt. Ab da las ich mich kreuz und quer durch verschiedene Spielarten der Fantasy - immer auf der (vergeblichen) Suche nach einem zweiten Tolkien.
Gewissermaßen stürzte mich "Der Herr der Ringe" also in eine weitere Lesekrise, aber er war auch der Anstoß zu meinem eigenen Weltenbasteln (Fantasy hatte ich schon vorher geschrieben, aber nur mit sehr simplen Hintergrundwelten).


Margaret Atwood - Der Report der Magd

Ich war etwa fünfzehn Jahre alt, als mir in der Bibliothek der Roman "Katzenauge" in die Hände fiel. Da er mir sehr gut gefiel, griff ich danach zu einem weiteren Buch der Autorin - zu "Der Report der Magd". Ich hatte keine Ahnung, dass es sich bei Atwood um eine preisgekrönte Autorin und bei dem Buch um einen Bestseller handelte, der bereits verfilmt worden war. Ich wusste nur, dass mich der Roman völlig überwältigte und mir das Tor zur Gegenwartsliteratur öffnete. Ich hatte ja schon immer viele verschiedene Genres ausprobiert und auch den Großteil meiner Schullektüre gern gelesen, aber "Der Report der Magd" (und Ransmayrs "Die letzte Welt", das ich etwa zur selben Zeit las) war ausschlaggebend, dass ich bewusst nach vergleichbarer Lektüre Ausschau hielt.

Johann Wolfgang von Goethe - Faust I

Ebenfalls im Alter von fünfzehn Jahren entdeckte ich durch den Deutschunterricht "Faust". Obwohl ich Klassikern gegenüber immer schon recht aufgeschlossen gewesen war, war dieses Werk in meinem Kopf ein Schreckgespenst, vor dessen Lektüre ich Respekt hatte. Ich stellte dann aber fest, dass ich die Tragödie spannend zu lesen fand und mir die intensive Beschäftigung damit im Unterricht Spaß machte. "Faust" war maßgeblich mit dafür verantwortlich, dass ich mich für ein Germanistikstudium entschied - und meine Angst vor Klassikern der Weltliteratur ablegte (was nicht heißt, dass ich im Studium immer alle gerne gelesen habe).


Joanne K. Rowling - Harry Potter and the Order of the Phoenix

Als der fünfte Harry Potter 2003 erschien, wollte ich nicht auf eine deutsche Übersetzung warten und griff daher zum englischen Original. Es war seit meiner Schulzeit das erste Buch, das ich auf Englisch las - und auch in der Schule hatten wir im Englischunterricht kaum Bücher gelesen. Der Einstieg war daher eine ziemliche Qual und es dauerte lange, bis ich einigermaßen in die Sprache hineinfand. Aber knapp 800 Seiten später ging es mir dann mit der Sprache schon deutlich besser und von da an griff ich immer wieder nach englischen Büchern.

Birgit Brandau, Hartmut Schickert - Hethiter. Die unbekannte Weltmacht

Im Sommer 2005 war ich mit einer Freundin bei deren Oma in der Schweiz, die gerade dieses Buch las und es mir ans Herz legte. Ich blätterte ein wenig hinein und war interessiert, aber es dauerte zwei Jahre, bis ich mir das Buch dann auch selbst kaufte. Obwohl mich Antike und frühe Hochkulturen schon seit meiner Kindheit faszinierten, war es das erste Mal, dass ich ein Sachbuch zu diesem Thema las. Es zeigte mir außerdem, dass ein Sachbuch ebenso spannend zu lesen sein kann wie Belletristik. Zwar hatte ich in meiner Jugend schon einige Biografien und außerdem zahlreiche Pferdesachbücher gelesen, aber gerade mit Beginn des Studiums war Fachliteratur für mich zu reiner Recherchelektüre und Prüfungsvorbereitung geworden. "Hethiter. Die unbekannte Weltmacht" war daher seit Jahren das erste Sachbuch, das ich in der Freizeit las. Danach las ich zumindest sporadisch Sachbücher, bis ich mit Winterkatzes erster Sachbuch-Challenge endgültig in dieses "Genre" hineinkippte. 


Jostein Gaarder - Die Frau mit dem roten Tuch

Ich hatte als Kind immer sehr gern Hörspiele gehorcht, aber Hörbücher blieben mir lange verschlossen. Ich versuchte ein paarmal, welche zu lesen, aber ich konnte mich nie richtig darauf konzentrieren. Dann entdeckte ich 2010 das Knüpfen wieder für mich und stellte fest, dass ich mich währenddessen prima auf Hörbücher konzentrieren konnte. "Die Frau mit dem roten Tuch" war das erste von vielen, das ich mir aus der Bibliothek auslieh (bis dann 2012 ein Audible-Abo dazukam).

Oliver Plaschka - Die Magier von Montparnasse

So wie das vorige Buch ist auch dieses eines, das weniger inhaltlich als eher von der Form her prägend war: Es war das erste Ebook, das ich gelesen habe. 

In den letzten Jahren habe ich mein Leseverhalten also vor allem in punkto Technik erweitert und bin vom reinen Printbuch weggekommen, während ich weiterhin die Genres lese, die ich mir im Laufe der früheren Jahre erschlossen habe. 

Habt ihr auch solche Bücher, die für euch die Entdeckung eines neuen Genres darstellen oder die bei euch das Leseverhalten in irgendeiner Weise dauerthaft geprägt haben? 

Montag, 17. April 2017

Buchstabengeplauder #73

Ich wollte mich heute eigentlich noch ein wenig Winterkatzes Osterlesen anschließen, aber damit wurde es nichts mehr. Ich bin erst später nach Wien zurückgekommen als ursprünglich geplabt, hier habe ich dann zunächst mal Karottenkuchen für meine Arbeitskollegen morgen gebacken und danach bin ich ein wenig bei LibraryThing hängengeblieben. Ich bin ja an sich seit Jahren bei Lovelybooks registriert, habe aber zunächst die Seite nur zur Verwaltung meiner Bücher genutzt und auch das nur noch selten, seitdem ich das Programm Bookpedia verwende. 

Seit längerem überlege ich nun schon, ob ich meine brachliegende Bibliothek bei Lovelybooks wieder aktualisieren oder meinen Account überhaupt löschen soll. Obwohl ich die Bookpedia liebe, bin ich doch sehr am Überlegen, ob ich nicht doch wieder auf eine entsprechende Online-Lösung umsteigen möchte. Es nervt mich, dass ich auf meine Bibliothek nur zuhause auf meinem Computer Zugriff habe und manchmal fehlt mir doch auch der Community-Aspekt. Bei Lovelybooks habe ich diesen nie viel genutzt, aber ich muss auch ehrlich sagen, dass ich diese Plattform nie besonders mochte. Wenn, dann würde ich wohl eher Goodreads oder LibraryThing nutzen, wobei mir zweiteres in vielen Aspekten mehr zusagt. 
Ich habe heute mal versucht, meine Bibliothek aus Bookpedia dorthin zu exportieren, was nur mäßig gut geklappt hat. Es ist noch einiges nachzubearbeiten und den Zeitaufwand wiederum möchte ich mir nur antun, wenn ich sicher umsteigen möchte. Aber beim ersten Herumprobieren fehlt mir doch einiges (vor allem die jährlichen Statistiken), das ich bei der Bookpedia so liebgewonnen habe. Da ich aber sicher auf Dauer nicht zwei Bibliotheken (einmal offline und einmal online) pflegen werde, bin ich nun erst recht wieder unschlüssig.
Ach je.
Wie ist das denn bei euch? Nutzt ihr eine solche Plattform und wenn ja: welche? 

Obwohl das heute mit meinem geplanten Lesenachmittag nichts wurde, habe ich doch über Ostern recht viel gelesen. Als ich am Samstag zu meiner Familie gefahren bin, hatte ich im Zug bleiben von Judith Taschler mit dabei, das mir meine Mutter schon vor einer Weile ausgeliehen hat. Und da ich den Roman dann nicht noch einmal mit nach Wien nehmen wollte, habe ich gestern den ganzen Abend lesend beim Kachelofen verbracht. Mir hat der Roman gut gefallen, auch wenn mich ein paar Aspekte doch daran gestört haben. 

Und wie habt ihr das Osterwochenende verbracht?

Freitag, 14. April 2017

Osterlesen mit Winterkatze: Freitag

Da ich heute dank Karfreitag einen verkürzten Arbeitstag hatte, habe ich noch genug Zeit, mich ein wenig bei Winterkatzes Lese(frei)tag anzuschließen.
Ich muss heute noch ein wenig für Ordnung in der Wohnung schaffen (putzen heb ich mir dann für Montag auf) und die Ostermitbringsel für meine Familie fertigstellen, aber ansonsten habe ich nichts mehr vor und kann mir Zeit fürs Lesen nehmen.
In der letzten Zeit habe ich viel unterwegs gelesen und abends im Bett, aber ich habe mich nur selten gemütlich mit einem Buch aufs Sofa gekuschelt. Welches Buch das heute werden soll, weiß aber noch nicht genau. Die Verschwundenen von Jakobsberg habe ich gestern gerade ausgelesen und Der Weg nach Surabaya, das ich gerade von Christoph Ransmayr lese, ist eine Sammlung von Kurzreportagen - also nur bedingt für eine gemütliche längere Lesesession geeignet. Als Hörbuch habe ich gerade A Song for Arbonne, das ich auf Deutsch schon ein paarmal gelesen habe, aber auf Englisch ist es doch nochmal was anderes. Das werde ich mir jetzt mal einschalten, während ich aufräume. Und vielleicht komme ich dann auch zu einer Entscheidung, welches Buch ich nachher lesen möchte.


Update um 19:00

In meiner Wohnung ist nun wieder eingermaßen Ordnung eingekehrt und ich habe dann nach getaner Arbeit auch gleich noch ein Geburtstagsgeschenk fertig gehäkelt. Das hat mich zwar bei den Ostermitbringseln nicht weitergebracht, aber da muss ich auch nur noch Etiketten für das gestern hergestellte Karotten-Tomaten-Pesto basteln - das sollte nicht so lang dauern.
Da ich beim Aufräumen und Häkeln das Hörbuch laufen hatte, bin ich bei Guy Gavriel Kays A Song for Arbonne ein ganzes Stück weitergekommen. Es ist irritierend, wie schwer ich mir mit diesem Hörbuch tue, wenn man bedenkt, dass ich die deutsche Ausgabe schon mehrmals gelesen habe (das letzte Mal ist aber etliche Jahre her). Ich weiß, dass Kays Stil nicht ganz einfach ist, aber ich habe doch auch schon Romane von ihm auf Englisch gelesen und hätte nicht damit gerechnet, dass ich mich auf das Hörbuch dermaßen konzentrieren muss. Eventuell suche ich mir ein anderes Hörbuch und mache mit dem Reread doch auf Deutsch weiter - mal sehen.
Zum Schmökern auf dem Sofa habe ich mich nun für Die andere Hälfte der Hoffnung von Mechtild Borrmann entschieden. Eigentlich wollte ich eine weitere SuB-Altlast erledigen, aber nun ziehe ich doch mal das Buch vor, das demnächst wieder in die Bibliothek zurück muss.

Bevor ich weiterlese, lasse ich euch noch ein Frühlingsfoto vom letzten Sonntag da. Heute ist es ja leider nicht ganz so frühlingshaft und auch fürs Osterwochenende sind die Aussichten nicht allzu positiv - da muss man sich wohl mit Fotos von blühenden Bäumen trösten.



Update um 23:00

So richtig viel weitergegangen ist bei mir heute Abend nicht - ich war irgendwie unkonzentriert beim Lesen. Bisher finde ich Die andere Hälfte der Hoffnung aber sehr interessant.
Morgen fahre ich zu meiner Familie und werde wohl nur im Zug zum Lesen kommen. Ich fahre dann im Laufe des Ostermontags zurück nach Wien und schließe mich da zum "Endspurt" vielleicht nochmal an.

Habt ein schönes Osterwochenende!

Montag, 10. April 2017

Dänische Impressionen

Vorige Woche war ich mit meiner Schreibgruppe für vier Tage in Dänemark - vorwiegend in Kopenhagen, aber wir haben auch einen Ausflug nach Roskilde gemacht. Wir hatten großteils Glück mit dem Wetter und sind unzählige Kilometer kreuz und quer durch die Stadt, durch Parks, Kirchen und Museen gewandert. Es war ein sehr schöner Kurzurlaub. Kopenhagen ist eine wirklich nette und relativ entspannte Stadt, aber auch Roskilde kann ich sehr empfehlen - nicht nur das Wikingerschiffmuseum, sondern auch die Stadt an sich hat uns sehr gut gefallen.
Wenn man so wie wir Glück mit dem Wetter hat, ist Anfang April eine nahezu ideale Reisezeit. Teils hatten wir noch Nebensaisonpreise und der touristische Ansturm hat sich auch noch relativ in Grenzen gehalten. Um am Abend gemütlich draußen am Nyhavn zu sitzen, war es dann aber doch noch zu kalt. Tagsüber konnte man dort aber schon sehr angenehm Eis in der Sonne genießen. :-)

Hier nun ein paar fotografische Eindrücke:

Kopenhagen

 

Rathaus im Abendlicht
Nüchternes Understatement: das königliche Schloss Amalienborg
Der Klassiker darf auch nicht fehlen
Nyhavn

Seitenfetzer hat gefragt, ob ich vielleicht den einen oder anderen (bibliophilen) Insider-Tipp geben kann. Nun ja, mit bibliophilen Tipps ist es nicht so weit her. Wir haben zwar die eine oder andere Buchhandlung aufgesucht, aber keine davon war so besonders, dass ich sie mir extra notiert hätte (und ich glaube, die Anzahl der Mitlesenden hier, die Bücher auf Dänisch lesen, ist auch eher gering). 
Ich war auch kurz in der Öffentlichen Bibliothek, aber abgesehen davon, dass sie sehr groß ist, kann sie schwerlich mit den tollen niederländischen Bibliotheken mithalten, die ich euch vor kurzem gezeigt habe.


Interessant ist auf jeden Fall auch die königliche Bibliothek - der "schwarze Diamant". Wir haben allerdings nur einen kleinen Abstecher hineingemacht und an keiner Führung teilgenommen, daher habe ich von innen nicht so viel gesehen (es gibt dort aber auch sehr schöne alte Lesesäle, nicht nur moderne Glasarchitektur).


Als nicht-bibliophilen Insider-Tipp kann ich euch aber den Rat dalassen, in Christiansborg Slot mit dem Aufzug auf den Turm zu fahren. Das kostet keinen Cent (und ich versichere euch, das ist in Kopenhagen eine Seltenheit!); man muss nur durch eine Sicherheitskontrolle, weil in dem Gebäude auch das Parlament ist. Von oben hat man dann einen tollen Ausblick über die Stadt.

Christiansborg von hinten mit Blick auf den Turm

Roskilde

 

Dom im dramatischen Gegenlicht


und als Abschluss noch der Sonnenuntergang über den Wolken:

Freitag, 7. April 2017

Nathaniel Philbrick - Im Herzen der See


Die abgebildete Hardcover-Ausgabe von Blessing ist nicht mehr erhältlich
Taschenbuch-Ausgabe erschienen bei Heyne



1819 verlässt der schon in die Jahre gekommene Walfänger "Essex" den Hafen in Nantucket, um hoffentlich nach einer zweijährigen Reise mit kostbarem Walöl zurückzukehren. Doch in den Weiten des Pazifiks wird das Schiff von einem Wal gerammt und versenkt. Die Besatzungsmitglieder sind gezwungen, sich in den kleinen Walfangbooten mit nur wenig Wasser und Proviant auf den Weg nach Südamerika zu machen.

Nathaniel Philbrick schildert in diesem Sachbuch die Tragödie der Essex, die Herman Melville zu seinem berühmten Roman "Moby Dick" inspirierte. Mir hat sehr gut gefallen, dass der Autor zunächst das Leben auf Nantucket schildert. Seine Beschreibungen der Insel sind nicht nur sehr bildhaft, sondern man bekommt auf diese Weise auch einen Eindruck vom gesellschaftlichen Hintergrund der Walfänger. Nantucket im 19. Jahrhundert bildete einen eigenen Mikrokosmos - eine ganz eigene Kultur und Lebensweise, die sich gänzlich um Seefahrt und Walfang dreht. Mir hat diese Einleitung direkt Lust darauf gemacht, mehr über Nantucket zu lesen.

Nach dieser allgemeinen Einführung nimmt Philbrick sich Zeit, um die Besatzung der Essex vorzustellen und den Beginn der Reise zu schildern. Das ist insofern wichtig, da das Beziehungsgeflecht zwischen den Besatzungsmitgliedern später ebenso eine Rolle spielt wie auch die Probleme, die bereits kurz nach dem Auslaufen aufgetreten sind. So verlor die Essex gleich zu Beginn zwei Boote bei einem Unwetter. Der eher demokratische Führungsstil des Kapitäns George Pollard führte außerdem mehrmals dazu, dass er entgegen seiner Überzeugung dem dominanten Ersten Maat Owen Chase nachgab. Dessen (falsche) Entscheidungen hatten leider schwere Folgen und waren wohl hauptverantwortlich für den Tod vieler Männer.

Die Essex startete im August 1819 von Nantucket, umrundete Kap Hoorn und wurde schließlich im November 1820 mitten im Pazifik zweimal von einem Pottwal gerammt. Der Autor schildert den Schock und die Fassungslosigkeit der Männer, als sie sich plötzlich ohne Schiff nur noch mit drei kleinen Walfangbooten mitten im Ozean wiederfinden, sehr eindrücklich. 
Da die Männer nicht (wie von Pollard vorgeschlagen) Kurs auf die relativ nahe gelegenen Gesellschaftsinseln nahmen, sondern sich wie von Chase vorgeschlagen zur Küste von Südamerika aufmachten, hatten sie nicht nur den Wind gegen sich, sondern auch eine Strecke von mehr als 4000 Kilometer zu bewältigen. Der Grund, weshalb Chase sich gegen die Gesellschaftsinseln aussprach, war, dass er dort Kannibalen vermutete. Es ist bittere Ironie, dass die Männer in den Booten schließlich aufgrund des Nahrungsmangels selbst dazu gezwungen waren, die Toten zu essen.

Man kann sich wohl vorstellen, dass das Sachbuch alleine aufgrund der Themen - Walfang, Schiffbruch und Kannibalismus als letzter Ausweg - keine ganz leichte Lektüre ist. Ich finde aber, dass der Autor mit den Themen sehr gut umgeht und alles eindrücklich schildert, ohne aber dabei zu sehr ins Detail zu gehen.
Seine Hauptquellen sind die Tagebücher und Niederschriften von Owen Chase und dem Schiffsjungen Thomas Nickerson. Chase veröffentlichte sein Buch zu den Vorfällen bereits ein Jahr nach dem Untergang der Essex, während Nickerson seine Erinnerungen erst deutlich später zu Papier brachte. Veröffentlicht wurden diese überhaupt erst 1984, wodurch einige von Chases Schilderungen in ein etwas anderes Licht gerückt wurden. Nathaniel Philbrick geht auch kurz auf die Diskrepanz zwischen seinen Hauptquellen ein.

Mir hat "Im Herzen der See" sehr gut gefallen. Der Fahrt der Essex und dem Unglück werden genug Raum gegeben, aber Philbrick rundet sein Buch ebenso durch das einleitende Kapitel über Nantucket wie auch durch eine Schilderung des weiteren Lebens der Überlebenden ab. Der Autor hält meiner Meinung nach eine sehr gut Balance, um die Strapazen der Männer weder zu distanziert noch zu voyeuristisch zu schildern. Alles in allem ein sehr interessantes Buch über eine Tragödie, die zur Inspiration eines der bekanntesten Klassiker der Weltliteratur wurde.